„So normal wie möglich“

Christine Stehlings Sohn: Regelschule trotz Behinderung

Christine Stehling.

HAMM - Vor einigen Jahren war der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern die Ausnahme. Die 47-jährige Christine Stehling schickte ihren heute 12-Jährigen Sohn, der das Down-Syndrom hat, trotzdem in eine Regelschule.

Über die Reaktionen seiner Mitschüler und welche Hindernisse sie überwinden musste, sprach sie im Interview mit yourzz-Reporter Lucas Slunjski.

Die gesetzliche Regelung greift erst zu Beginn des gerade neu angefangenen Schuljahres. Ihr Sohn besucht jedoch schon länger eine Regelschule. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Stehling: Mein Sohn sollte so normal wie möglich und mit so viel „Extra“ wie nötig aufwachsen. Das wurde besonders in seiner Kindergartenzeit klar. Er hat sich immer sehr viel von anderen Kindern abgeguckt und wollte immer dabei sein. So habe ich vor der Einschulung unseres Sohnes in einer Förderschule und in einer Regelschule hospitiert, die bereits Kinder integrativ beschulte. Das hat mir sehr geholfen.

Welche bürokratischen Hindernisse mussten Sie auf dem Weg dahin überwinden?

Stehling: Ich bin zusammen mit anderen Eltern, die ihr Kind mit Behinderung ebenfalls auf eine Regelschule schicken wollten, an das Schulamt der Stadt Hamm herangetreten, um unser Anliegen vorzutragen. Dort wurden uns die Vorzüge einer Förderschule nochmals dargelegt. Wir beharrten jedoch auf unserer Entscheidung. Daraufhin wurde mein Sohn durch einen Sonderpädagogen und einen Lehrer der Regelschule begutachtet, um zu klären, welcher Förderbedarf besteht und welche Schule den decken kann. Darüber hat dann das Schulamt entschieden, aber sich auch die Wünsche der Eltern angehört. Da eine wohnortnahe Beschulung nicht möglich war, kam unser Sohn auf eine etwa neun Kilometer entfernte Grundschule.

Für viele Lehrkräfte ist es das erste Mal, dass sie einen Schüler mit Behinderung unterrichten. Welche besonderen Schulungen müssen sie mitbringen?

Stehling: Nicht nur die fachliche Kompetenz eines Lehrer ist wichtig, sondern auch seine Einstellung und Motivation, dieses Projekt nach vorne zu bringen. Allerdings können die Lehrer einer Regelschule keine Sonderpädagogen sein und umgekehrt. Dazu sind die Studiengänge zu umfangreich. Daher sollten die Klassen doppelt besetzt sein: ein Sonderpädagoge und ein Regelschullehrer. Teamwork ist das Stichwort. Nur so können alle Kinder einer Klasse optimal lernen, ohne den jeweils anderen zu behindern.

Auch für die meisten Mitschüler ist es die erste engere Begegnung mit einem Menschen, der eine Behinderung hat. Wie reagieren die Mitschüler auf Ihren Sohn und wie verhalten sie sich ihm gegenüber?

Stehling: Kinder gehen ohne Vorurteile aufeinander zu und miteinander um. In der Grundschule haben alle neu angefangen. Da dort auch noch andere Kinder mit Behinderungen waren, war es ein Stück Normalität. Mit der Zeit lernt man sich kennen und dann gehören die Stärken und Schwächen eben zu dem Menschen dazu, wie bei jedem anderen Menschen ohne Behinderung auch. Dass einige der Grundschulkinder auch mit auf die weiterführende Schule meines Sohnes gegangen sind, hat das Lernen dort um einiges erleichtert.

Auch wenn die Inklusion in aller Munde ist, steckt sie doch noch in den Kinderschuhen. Warum ist der Gesetzesanspruch erst jetzt gekommen und was müsste Ihrer Meinung nach noch alles getan werden?

Stehling: Es bedarf vieler Vorbereitungen nicht nur baulicher, sondern in erster Linie personeller und struktureller Art. Das kostet einfach viel Zeit und vor allem Geld. Das Bildungssystem ist Sache der einzelnen Länder. Das führt zu einigen Problemen. So haben manche Städte die Inklusion bereits erfolgreich umgesetzt, andere hingegen stecken noch in den Kinderschuhen. Ein Weg, wie ihn unser Sohn bisher gegangen ist, wäre zum Beispiel in Bayern zurzeit nicht möglich. Ich bin jedoch der Meinung, dass die Politik früher hätte reagieren können, was die Bereitstellung und Ausbildung von Lehrern angeht. Eng mit der personellen und räumlichen Ausstattung von Integrationsklassen ist die Klassengröße verbunden. Klassen, in denen Kinder mit und ohne Behinderung unterrichtet werden, sollten meiner Meinung nach eine Klassenstärke von maximal 20 Kindern haben. Von kleinen Lerngruppen profitieren alle Kinder! Inklusion erfordert viel Austausch, nicht nur unter Lehrern, Integrationskräften und Schülern. Auch die Eltern müssen integriert werden.

Dass ein Kind mit Behinderung eine Regelschule besucht, ist momentan eher die Ausnahme. Konnten Sie Veränderungen bei Ihrem Sohn feststellen, seit er mit vielen nicht Behinderten in einer Klasse ist?

Stehling: Nicht nur in der Schule nimmt er am "normalen" Leben teil. Auch in seiner Freizeit, egal ob Sport oder Musik oder Jugendgruppe. Etwas schwierig gestaltet sich der Kontakt zu anderen Kindern mit Behinderung, sie tauchen im leider im Alltag noch zu wenig auf. Dort versuchen wir über Selbsthilfegruppen und Ferienangebote Kontakte aufzubauen.

Quelle: wa.de

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