Freund und Helfer

Ausbildung bei der Polizei: "Einzelkämpfer gibt es nicht"

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Ann-Christin Pap macht Duales Studium bei der Polizei.

HAMM - Für eine Ausbildung bei der Polizei hat sich die 22-jährige Ann-Christin Pap vor allem wegen ihrem großen Gerechtigkeitssinn entschieden. Nun steht die Kommissaranwärterin kurz vor dem Ende ihrer Ausbildung und erinnert sich rückblickend, dass es bereits einige Einsätze gab, bei denen sie kein gutes Bauchgefühl hatte.

Im Interview mit yourzz-Reporterin Carolin Drees erzählt sie außerdem, wie eine Ausbildung bei der Polizei aussieht, und ob man Job und Privatleben voneinander trennen kann.

Wann ist dir klar geworden, dass du zur Polizei möchtest?

Ann-Christin: Das ist mir schon ziemlich früh klar geworden. Genau kann ich es nicht sagen, aber ich glaube, so in der siebten oder achten Klasse. Im Bekannten- und Familienkreis gibt es einige Leute, die bei der Polizei arbeiten. Deshalb hatte ich schon früh die Möglichkeit, Eindrücke zu sammeln. Ich habe auch einen ziemlich ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, den kann ich in meinem Beruf absolut durchsetzen. Die eindeutige Bestätigung, dass das, was ich hier mache, das Richtige für mich ist, habe ich aber erst in der Praxis bekommen. So geht es vielen.

Wie sieht die Ausbildung bei der Polizei aus?

Ann-Christin: Die Ausbildung ist ein duales Studium, das drei Jahre dauert und als Ziel den Bachelor of Arts hat. Das Studium teilt sich in die Theorie, das Training und die Praxis auf. Die Studierenden gehen erst ein knappes Jahr zur Fachhochschule, danach gehen sie ins Training und üben auf einem extra dafür vorgesehenen Gelände Situationen, die einem im Arbeitsalltag begegnen. Zu Beginn sind es Verkehrsunfälle, in den späteren Trainings zum Ende der Ausbildung hin auch Amokläufe und Geiselnahmen. Danach gehen sie ins Praktikum. Diese Aufteilung in Theorie, Training und Praxis wiederholt sich mehrere Male mit jeweils unterschiedlichen Lehrinhalten über die ganze Ausbildung hinweg.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Ann-Christin: Einen Alltag gibt es nicht, der Job ist so vielfältig, dass ich vor dem Dienst nie weiß, was auf mich zukommt oder wie mein Tag enden wird. Manchmal kommt es auch vor, dass man zur Sofortunterstützung in eine andere Stadt gerufen wird. Dann nimmt man, wie letztens geschehen, mal eben einen entwichenen Sträfling fest und fährt wieder nach Hause. Deshalb ist Spontanität auch sehr wichtig. Für jemanden, der einen geregelten Arbeitsalltag haben möchte, ist dieser Beruf nicht das Richtige.

Gab es schon Situationen, in denen du dir gedacht hast "Uh, das könnte brenzlig werden" oder die dich besonders berührt haben?

Ann-Christin: Bei einem meiner ersten Einsätze war mir schon ein wenig mulmig. In dem Fall haben wir ein Fahrzeug verfolgt und hatten die Information, dass die Insassen eine Schusswaffe dabei hätten. Als wir die Leute angehalten haben war mein Puls schon ziemlich hoch, zumal wir dann auch noch eine Waffe gefunden haben. Da kann alles passieren. Ich war total aufgeregt und habe einen klassischen Fernsehfall erwartet. Einsätze, die einen berühren, sind insbesondere die, in die Kinder involviert sind oder Menschen getötet wurden. Ich bin froh, dass ich damit bis jetzt noch keine Erfahrungen machen musste. Trotzdem hatte ich in meinem Praktikum bei der Kripo einen Suizidfall, bei dem die Person einen Abschiedsbrief geschrieben hat. Dieser Abschiedsbrief war im ersten Moment ein Beweisstück und wurde deshalb gelesen. Ich hatte bereits nach dem ersten Satz einen Kloß im Hals und musste aufhören.

Kann man Job und Privatleben trennen oder nimmst du deine Arbeit mit nach Hause und denkst dort weiter nach?

Ann-Christin: Ich glaube, gerade am Anfang ist das ziemlich schwierig. Es prasseln ganz viele Eindrücke auf einen ein und die muss man erst mal verarbeiten. Man kann aus datenschutzrechtlichen Gründen aber nicht mit der Familie oder den Freunden über alle Fälle reden, die einen besonders beschäftigen, deshalb ist das Verarbeiten teilweise schwierig. Ich hab das Glück, dass mein Freund auch bei der Polizei ist und ich dadurch jemanden habe, mit dem ich mich austauschen kann.

Jeder kennt den Spruch "Die Polizei, dein Freund und Helfer". Es gibt wahrscheinlich genug Leute, die dem nicht zustimmen. Inwieweit trifft er denn zu?

Ann-Christin: Das ist ein Werbeslogan aus den 60er Jahren. Irgendwann hat man gemerkt, dass der Slogan nicht so gut gewählt ist, weil die Polizei nicht immer nur hilft, sondern auch repressiv tätig wird. Das bringt der Beruf halt mit sich. Der Ladendieb findet uns sicher nicht so toll wie der Ladenbesitzer, der uns ruft, um den Diebstahl zur Anzeige zu bringen. Wir haben aber nicht die Absicht, Land und Leute einzusperren, und wollen eigentlich lieber Freund und Helfer sein.

Wem würdest du raten, sich über den Beruf des Polizisten zu informieren und wie kann man das am besten tun?

Ann-Christin: Man muss Interesse an dem Job als Polizist haben, durchsetzungsfähig, selbstbewusst, kommunikativ und stressresistent sein. Man muss Empathivermögen mitbringen und Spaß an der Arbeit im Team haben. Bei der Polizei geht es manchmal um Leben und Tod, deshalb muss man sich auf seine Kollegen verlassen können, Einzelkämpfer gibt es bei uns nicht. Es gibt aber noch viele weitere sehr wichtige Voraussetzungen, die man mitbringen muss, deshalb kann man sich am besten auf der Internetseite www.polizei-nrw.de oder bei einer Informationsveranstaltung am 26. Juni im Polizeipräsidium Hamm informieren.

Wie würdest du deinen Beruf beschreiben, wenn du bloß einen Satz hättest?

Ann-Christin: Es ist unmöglich, diesen Beruf in einem Satz zu beschreiben, es sei denn man benutzt sehr viele Kommata. Aber wenn mir nur ein Satz zur Verfügung stehen würde, wäre das folgender: Ich bin froh, dass ich hier anfangen durfte und will nichts anderes mehr machen.

Quelle: wa.de

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