„Stille Sucht“: Was Amphetamine anrichten

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Oberärztin Dr. med. Dorothea Geenen von der zentralen Notaufnahme im Evangelischen Krankenhaus Hamm, Klinik für Kardiologie und Internistische Intensiv Medizin.

HAMM -  Aufputschmittel sind in der Gesellschaft längst keine Seltenheit mehr. Stress in der Schule, Erwartungsdruck im Job und zu hohe Anforderung – es gibt viele Gründe, warum zu solchen Mitteln gegriffen wird.

Über die Wirkung und Gefahren von Aufputschmitteln sprach yourzz-Reporter Tim Mielke im Interview mit Dr. med. Dorothea Geenen, Oberärztin in der Zentralen Notaufnahme der Klinik für Kardiologie und internistische Intensivmedizin des Evangelischen Krankenhauses Hamm.

Was versteht man unter Aufputschmitteln?

Geenen: Aufputschmittel sind Substanzen mit zentralerregender Wirkung im Gehirn, die in der Szene auch „Upper“ genannt werden. Die Mittel, zu denen Amphetamine und auch schon Energydrinks gehören, gelten als „Spaß und gute Laune“-Modedrogen. Dies verharmlost ihre Gefährlichkeit.

Was können Aufputschmittel bewirken?

Geenen: Aufputschmittel haben eine wachmachende Wirkung, wie es der Name schon sagt, sie wirken kreislaufanregend und appetithemmend. So wird zum Beispiel stundenlanges Tanzen oder Arbeiten ermöglicht, ohne dass ausreichend Pausen gemacht werden. Während früher die typischen Drogenabhängigen meist Menschen am Rande der Gesellschaft waren, findet man heute unter den Konsumenten viele extrovertierte, leistungsbereite Menschen, die sich von der Drogeneinnahme mehr Spaß in der Freizeit – vor allem auf Partys – und eine höhere Leistungsfähigkeit bei der Arbeit versprechen. Die Wachmacher intensivieren optische und akustische Reize. Hinzu kommt, dass die Kontakt- und Kommunikationsbereitschaft verstärkt wird und eine positive Stimmung aufkommt.

Welche Schäden kann man durch Aufputschmittel davontragen?

Geenen: Verschiedenste Bereiche des Körpers können geschädigt werden. Die Substanzen stören die Regulation von Blutdruck, Herzfrequenz und Körpertemperatur und den Mineralstoffhaushalt. Nach einem unter Ecstasy oder verwandten Substanzen „durchtanzten Wochenende“ kann es zu wochenlang andauernden Erschöpfungszuständen kommen. Durch die Aufputschmittel ist außerdem der Flüssigkeitshaushalt in Gefahr, dies führt zum Wassermangel bis hin zu schweren Austrocknungszuständen. Dabei kommt es zu hohem Fieber und im schlimmsten Fall zu einem Muskel- und Organzerfall mit möglicherweise tödlichem Ausgang.

Aber nicht nur der Körper, sondern auch die Psyche leidet unter dem Konsum. Von Euphorie und Agitiertheit, Konzentrationsstörungen bis hin zu Panikattacken und Depressionen. Gravierend ist jedoch die Gefahr eines Herzinfarktes, eines Schlaganfalls oder die Auslösung eines Krampfanfalles. Doch die heutige Leistungs- und Freizeitgesellschaft nimmt dieses Risiko auf sich, um nicht nur ihren eigenen Erwartungen gerecht zu werden.

Können Aufputschmittel schlimmer sein als Rauchen oder Alkohol?

Geenen: Der Konsum von Aufputschmitteln ist zahlenmäßig vergleichbar mit der Alkoholabhängigkeit. Eine Medikamentenabhängigkeit wird oft als „stille Sucht” bezeichnet, jedoch in der Öffentlichkeit deutlich weniger wahrgenommen. Angehörigen oder Freunden fällt erst spät eine Veränderung bei den betroffenen Personen auf, was dazu führt, dass Medikamentenabhängigkeit häufig nicht oder erst sehr spät diagnostiziert und behandelt wird. Zahlenmäßig betrachtet ist Rauchen mit seinen krankmachenden und tödlichen Folgen gesellschaftlich das noch größere Problem.

Quelle: wa.de

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