Von Achim Lettmann ▪ BOCHUM–Das Ruhrgebietsdeutsch ist nicht während der Industrialisierung entstanden, sondern schon vorher. Diese Aussage ist Prof. Dr. Dr. Heinz H. Menge sehr wichtig.

© Lettmann
Vor seinem Wohnhaus in Bochum-Langendreer: Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Dr. Heinz H. Menge ▪
„Wenn Menschen, die Plattdeutsch sprechen, Hochdeutsch reden wollen, dann kommt Ruhrgebietsdeutsch dabei heraus“, sagt der 66-Jährige. Ende der 70er Jahre ging er der These nach, dass die Umgangssprache im Ruhrgebiet viel mit Plattdeutsch zu tun hat. Er konnte diese Annahme wissenschaftlich belegen. Sowie das Plattdeutsche (Dialekt) verdrängt wurde, entstanden neue Umgangssprachen. Das Berlinerische sei auch so entstanden, sagt Menge. Seit Jahrzehnten muss der Professor allerdings gegen das Vorurteil angehen, dass das Ruhrgebietsdeutsch von polnischen Einwanderern geprägt wurde. Alles Quatsch. Es hat einzelne Worte aus dem Polnischen gegeben, die ins Ruhrgebietsdeutsch eingeflossen sind, wie Mottek (Hammer), Pennunse (Geld) und Matka (Mutter). Aber man habe von den Polen nichts übernehmen wollen, sagt der Sprachwissenschaftler. Die Stigmatisierung der Polen sei sehr bestimmend gewesen. „Matka“ wird im Deutschen bereits abwertend gebraucht, für eine alte Frau.
Es gibt Vorurteile, die halten sich beharrlich. Comedians wie Hennes Bender verbreiten, dass das „Ruhrideutsch“ einfach ist und kurze Sätze braucht, weil im Schmelztiegel Ruhrpott so die Verständigung am besten klappt. Das ist nett gemeint, aber Heinz Menge weiß, dass das nur ein allgemeines Indiz für die gesprochene Sprache an sich und überall ist. „Ein-Wort-Sätze spricht man am Hochofen, aber nicht mehr in der Kneipe“, sagt Menge.
Um das Ruhrgebietsdeutsch kreisen Mythen. Herbert Knebel und Co. sprechen Kunstsprachen. Wer die Zeitungskolumne „Boh glaubse“ von Uwe Lyko alias Knebel kennt, kann die Kasus-Vertauschungen zählen. „In der Realität ist das so nicht anzutreffen“, sagt Menge, der über Jahrzehnte an der Ruhr-Universität unterrichtete und in Bochum-Langendreer wohnt. „Atze Schröder tut nur so, als ob er aus dem Ruhrgebiet kommt, ist aber vom Ruhrgebietsdeutsch noch weiter entfernt“, sagt Menge.
Bereits Jürgen von Manger hat von der Kunstsprache profitiert. Der gelernte Jurist spielte in den 70/80er Jahren den einfachen Arbeiter, der in ungewohnten Situationen Hochdeutsch versuchte und dann mit dem Ruhrdeutschen seine sprachlichen Bruchlandung zelebrierte. Jürgen von Manger sorgte nicht nur für gute Unterhaltung zur besten ARD-Sendezeit, er verbesserte auch das Image der Umgangssprache. Ein Prozess, der in der Forschung schon stattgefunden hatte. Sprachwissenschaftler entdeckten die gesprochene Sprache in den 60er Jahren. Erst waren nur die regionalen Dialekte interessant, dann kam die Umgangssprache dazu. Und Germanisten zogen mit Tonbandgeräten los, um dem Volk aufs Maul zu schauen („Bottroper Protokolle“).
Heinz H. Menge traf seinerzeit Kleingartenbesitzer. Die Gespräche über Einbrüche auf dem Vereinsgelände und den Gebrauch von Schädlingsbekämpfungsmitteln lieferten Sprachmaterial zur Erforschung des Ruhrdeutschen. Und wie die wissenschaftliche Arbeit publik wurde, fühlten sich viele Menschen bestätigt und ernst genommen. Zum Beispiel Wilhelm Herbert Koch, der die Figur „Kumpel Anton“ erfunden hatte, die Geschichten im Ruhrpottdeutsch erzählte. „Das war ein kollateraler Nutzen unserer Forschung“, sagt Heinz H. Menge. Das Minderwertigkeitsgefühl im Revier ging zurück.
Sprache ist immer in Bewegung. Unterschiede gibt es auch im Revier. Zum Beispiel ist „Flitsch“ ein anderes Wort für Kino. Allerdings versteht das nur die ältere Generation im östlichen Essen und Gelsenkirchen. Es gibt kein einheitliches Ruhrgebietsdeutsch. Im westlichen Revier wird Zustimmung mit „ne“ ausgedrückt, im östlichen mit „woll“, was die Nähe zum Sauerland unterstreicht. „Die Grenze soll entlang der B 235 verlaufen“, sagt Heinz Menge, „so ungefähr.“ Wer Borussia Dortmund im heimischen Stadion anfeuert, der wird die Lautung im Ohr haben, wenn es von den Rängen tönt: „Dortmund! Dort-mund!“ Und die zweite Silbe klingt tief hinten im Rachen nach. Diese Aussprache gibt es schon in Essen nicht mehr.
Derzeit ist die Ruhri-Sprache wieder interessant. „Viele Studenten fragen danach“, sagt Menge. Dabei hatte es in den 90ern einen Stillstand gegeben. Das soziale Moment im Sprachgebrauch war für Forscher nebensächlich geworden. Wichtiger wurden Deutsch als Fremdsprache, Jugendsprachen und Sprache im Internet. Aber wie gebrauchen die Menschen zwischen Lippe und Ruhr ihre Sprache? Für sehr aufschlussreich hält Menge eine Studie der Sprachwissenschaftlerin Kerstin Salewski (Duisburg). Ihre These ist, dass es zwei Sprachsysteme im Revier gibt. Das Hochdeutsche und die Ruhrgebietssprache. Salewski hat nachgewiesen, dass der Ruhri je nach Gesprächssituation entscheidet, ob er mehr standard („Haben wir ihn gefragt“) oder mehr standardfern („Ham‘ man gefragt“) spricht. „Jeder nutzt aus dem Pool der Möglichkeiten, was er gerade braucht“, sagt Menge und favorisiert das Wort Ruhrhochdeutsch für die Umgangssprache im Revier.
Bücher
Karl-Heinz Henrich: Ruhrdeutsch. Die Sprache des Reviers. Mit CD. Reise Know How-Verlag, Bielefeld. 128 S. 7,90 Euro
Hilde Neuhaus: Tach zusammen! Miniwörterbuch. Compact Verlag, München. 256 S. 2,50 Euro
Georg Cornelissen, Hanna Menge: Zwischen Köttelbecke und Ruhr. Wie spricht Essen? Klartext Verlag, Essen. 136 S. 9,95 Euro
Werner Boschmann. Lexikon der Ruhrgebietsspache. Henselowsky & Boschmann, Bottrop. 120 S., 9,90 Euro
Quelle: wa.de


Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!
Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.
Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.
Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.