„Hängen im Schacht“ – die aus der Bergmanns-Sprache stammende Redensart beschreibt im übertragenen Sinn einen Zustand, in dem es nicht weitergeht. Von Tobias Schröter
Hans-Peter Karr, der im richtigen Leben Reinhard Jahn heißt, spielt mit dem Titel seiner Sammlung von Kriminal-Kurzgeschichten jedoch auch auf die wortwörtliche Bedeutung an. Auch wenn nun in keiner der 24 Short-Storys ein Mordopfer erhängt in einem Grubenschacht aufgefunden wird, geht es doch immer um Kriminalfälle in einer Landschaft, die für ihren Bergbau bekannt ist: das Ruhrgebiet. Dafür hat sich Jahn alias Karr zwei Dutzend Autoren von Eifelkrimi-Altmeister Jacques Berndorf hin zu Schreib-Talenten wie Henrike Heiland ins Boot geholt, steuert zum Abschluss auch selbst eine Kurzgeschichte bei.
Das sorgt für Kurzweil, weil in derart gerafften Formaten natürlich viel mehr passiert als in 700-Seiten-Romanen. Teilweise macht sich aber auch Wehmut breit: Hat man sich gerade an die interessant gezeichneten Charaktere gewöhnt und würde gerne mehr über sie erfahren, springt man aus ihrem Universum heraus in ein anderes, in das man sich neu einlesen muss. Außerdem ist in einem derart großen Autoren-Kollektiv ein Gefälle nicht zu vermeiden. So sind manchmal Handlung oder Erzählsituation allzu skurril, wenn zum Beispiel ein Mord-Anschlag der Russen-Mafia im Schalker Stadion eingebettet wird in das Telefongespräch einer Hausfrau.
Auch versprühen manche Geschichten zu wenig Lokalkolorit. Sie verzichten nach kurzem Einstiegsszenario auf den regionalen Flair und lassen ihren Krimi auf Polizeirevieren und in Privathäusern spielen, die auch anderswo in der Republik stehen könnten. Doch es gibt auch Gegenbeispiele wie „Kirchgang“ von Volker König, der einlädt auf einen Streifzug durch Bottrop, bei dem der ortskundige Leser jede Straße wiedererkennt – und gerade so etwas macht den besonderen Reiz dieses Buches aus.
H.P. Karr (Hg.): Hängen im Schacht. KBV Verlag Hillesheim. 259 S., 9,90 Euro.
Quelle: wa.de


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