Noch mehr Menschen flüchten

Die tägliche Hölle von Aleppo - Ärzte ohne Grenzen an ihren Grenzen

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Die Gewalt in Aleppo hat eine neue Eskalationsstufe erreicht.

Aleppo - In den frühen Morgenstunden fallen erneut Bomben auf Kliniken in der umkämpften syrischen Stadt. Die Hilfsorganisationen vor Ort verzweifeln. Und Europa kann bald keine Flüchtlinge mehr aufnehmen.

Zwei Kliniken in Aleppo bombardiert

Bei Luftangriffen in der umkämpften syrischen Stadt Aleppo sind nach Angaben einer medizinischen Hilfsorganisation zwei Krankenhäuser getroffen worden. Die beiden größten Kliniken im von den Rebellen kontrollierten Ostteil der Stadt seien am Mittwoch in den frühen Morgenstunden bombardiert worden, teilte die in den USA ansässige Syrian American Medical Society (SAMS) am Mittwoch mit. Ein Kampfflugzeug habe die Krankenhäuser "direkt" beschossen. Die beiden Krankenhäuser M2 und M10, die von SAMS unterstützt werden, mussten ihren Betrieb nach dem Luftangriff vorübergehend einstellen, wie der SAMS-Vertreter Adham Sahloul der Nachrichtenagentur AFP sagte. Damit seien im Ostteil Aleppos derzeit nur noch sechs Krankenhäuser in Betrieb. Im Syrien-Konflikt wurden bereits mehr als 300.000 Menschen getötet. Ein unlängst von den USA und Russland ausgehandelter Waffenstillstand hielt nur wenige Tage, seitdem wird wieder intensiv gekämpft. Vor allem Aleppo wird massiv bombardiert, am Dienstag eroberten die Regierungstruppen ein bisher von Rebellen kontrolliertes Viertel im Zentrum der geteilten Stadt.

In einem Kommentar prangert ein Redakteur des Münchner Merkur die Untätigkeit der Weltgemeinschaft angesichts des Leids in Syrien an.

Ärzte ohne Grenzen stehen kurz vor der Kapitulation

Die deutsche Ärzteschaft hat an die Konfliktparteien in Syrien appelliert, Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen aus den Kampfhandlungen herauszuhalten. Der Grundkanon menschlicher Werte gehe in dem Konflikt mehr und mehr verloren, kritisierte der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, am Mittwoch in Berlin. Die Konfliktparteien zielten offenbar in voller Absicht auch auf Krankenhäuser als Teil der Infrastruktur. Wenn sogar die Organisation Ärzte ohne Grenzen ihre mutigen Mitarbeiter zurückziehe, sei dies ein deutliches Zeichen für diese Taktik der Konfliktparteien.

Diese schrecklichen Bilder erreichen uns jeden Tag aus Aleppo. Sie zeigen das ganze Ausmaß des Bürgerkrieges.

Hunderttausende Menschen flohen bereits aus der Stadt. Sie ließen alles zurück, auch ihre Haustiere. Ein Mann kümmert sich nun um die verlassenen Katzen Aleppos. Es sind bereits über 150 Tiere.

Immer mehr Syrer fliehen vor verheerendem Kriegswaffeneinsatz

Fassbomben, Streubomben, Minen und Raketen - der massive Einsatz hochexplosiver Waffen in Wohngebieten ist nach Einschätzung von Handicap International der Hauptgrund für die Flucht so vieler Menschen aus Syrien. „Unterschiedslose Bombardierungen sowie Beschuss sind in diesem Konflikt zur Regel geworden“, beklagte die Hilfsorganisation für Menschen mit Behinderungen in einem am Mittwoch in Genf veröffentlichten Bericht. Immer wieder würden Zivilisten mit solchen verheerenden Waffen absichtlich angegriffen. Handicap International appellierte an die Konfliktpartien, in bevölkerten Gebieten keine explosiven Waffen mehr zu verwenden.

Abgesehen von der hohen Zahl an Toten verursachten solche Waffen besonders schwere Verletzungen. „In Verbindung mit der mangelnden medizinischen Versorgung und psychologischen Unterstützung in Syrien hat diese Praxis eine verheerende Wirkung“, sagte Petra Schroeter, Geschäftsführerin von Handicap International Schweiz. „Mit über 1,5 Millionen Verletzten in Syrien wird eine ganze Generation für viele Jahre unter den Spätfolgen leiden müssen.“

Syrische Hilfsorganisation warnt vor Völkermord

Der Chef der syrischen Weißhelme hat vor dem völligen Zusammenbruch der Versorgung in der umkämpften Stadt Aleppo und einem "Völkermord" gewarnt. Die "zivilen Einrichtungen werden nicht in der Lage sein, noch länger als einen Monat die Versorgung sicherzustellen", sagte Raed Saleh der Nachrichtenagentur AFP. "Es wird kein Wasser und keinen Strom mehr geben, keinen Treibstoff, Krankenhäuser werden nicht mehr arbeiten können. Wenn es so weitergeht, rechne ich mit einem Völkermord." Saleh befürchtet "Massaker" an der Zivilbevölkerung in Aleppo; noch harren in der Trümmerstadt rund eine Viertelmillion Menschen aus. Wenn sie versuchen würden zu fliehen oder wenn Aleppo falle, seien die Menschen den Angreifern ausgeliefert. "Wir fürchten, dass ihnen Massaker oder Entführungen drohen oder vielen von ihnen Haft", sagte Saleh. Die Zivilbevölkerung würde "jede Gelegenheit" zur Flucht nutzen, aber es gebe keinerlei sichere Zuflucht und keinerlei Schutz. Auch die Weißhelme, die sich aus der Bevölkerung rekrutierten, seien durch die Truppen von Präsident Baschar al-Assad tödlich bedroht.

UNHCR: Europa nicht für Anstieg von Flüchtlingszahlen gerüstet

Europa ist nach Einschätzung des UN-Flüchtlingshilfswerk ungenügend auf einen möglichen erneuten Anstieg der Flüchtlingszahlen eingerichtet. „Europa ist nicht vorbereitet, wenn es um Notfallplanungen geht“, warnte der Europa-Bürodirektor von UNHCR, Vincent Cochetel, bei einer Diskussionsveranstaltung der Denkfabrik

European Policy Centre am Mittwoch in Brüssel. Die Lage in Afghanistan und Syrien bleibe schwierig. Zum Irak, wo die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) große Gebiete kontrolliert, sagte er: „Es könnte schlimmer werden, bevor es besser wird.“

Angesichts sinkender Ankunftszahlen von Migranten auf den griechischen Inseln könne nicht mehr von einer akuten Krise die Rede sein, sagte Cochetel weiter. „Dies ist eine beherrschbare Situation.“ Dennoch sei die Situation teils chaotisch. Die EU-Staaten müssten Griechenland stärker unterstützen.

Menschenrechtler verurteilten die EU-Flüchtlingspolitik mit scharfen Worten. Es fehle an politischem Willen, sagte die Chefin des Brüsseler Büros von Amnesty International, Iverna McGowan. Die Umverteilung von Flüchtlingen aus Griechenland in andere europäische Staaten komme kaum voran, zudem schotte sich der Kontinent mit einer „Politik von Angst und Zäunen“ ab.

Der EU-Flüchtlingspakt mit der Türkei habe einen verhängnisvollen „Domino-Effekt“ entwickelt, beklagte Valerie Ceccherini vom Norwegischen Flüchtlingsrat - etwa weil Migranten am Grenzübertritt von Syrien in die Türkei gehindert würden. „Das Recht auf Asyl wird deutlich ausgehöhlt.“ Die EU-Kommission wollte am Mittwoch eine Zwischenbilanz zur Zusammenarbeit mit der Türkei in der Flüchtlingskrise ziehen.

dpa/AFP/vf

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