Vor zehn Jahren: Kofferbomben in Regionalzügen - Fehler verhindert Blutbad

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Szenen eines Videos aus einer Überwachungskamera der Bahn vom Kölner Hauptbahnhof vom 31. Juli 2006 zeigen den mutmaßlichen Bombenleger auf einer Rolltreppe (l) und auf einem Bahnsteig mit Koffer (r). 

Köln - Vor zehn Jahren platzieren zwei Männer Sprengsätze in Regionalzügen nach Hamm und Koblenz. Doch die Katastrophe bleibt aus, es kommt zu keiner Explosion. Der "Kofferbomber von Köln" wird später zu lebenslanger Haft verurteilt.

Paris, Istanbul, Nizza, Würzburg, Ansbach - die Terrorangst ist längst auch hierzulande allgegenwärtig. Die jüngsten Anschläge haben erschreckend deutlich gemacht, dass es jederzeit und überall einen islamistischen Anschlag geben kann. 

Vor zehn Jahren planten Terroristen schon einmal ein Attentat in Deutschland. Damals sollten Regionalzüge das Ziel sein, das Ausmaß wäre verheerend gewesen. Doch zum Glück blieb es beim Versuch. 

An jenem 31. Juli 2006 betreten gegen Mittag zwei junge Libanesen mit ihren Koffern den Kölner Hauptbahnhof. Der eine steigt in einen Regionalzug nach Hamm, der andere in eine Bahn nach Koblenz. An einer der nächsten Stationen verlassen sie die Züge wieder - ohne Gepäck. 

Zeitzünder lösen wie vorgesehen aus - Es passiert nichts

Die Zeitzünder der beiden nahezu baugleichen Kofferbomben lösen wie vorgesehen um 14.30 Uhr aus. Aber es passiert nichts. Ein Konstruktionsfehler verhindert, dass das Gas-Benzin-Gemisch explodiert. Die Reisenden in den beiden Zügen ahnen zu diesem Zeitpunkt nicht, wie knapp sie einer Katastrophe entkommen sind. 

Eine Explosion hätte furchtbare Folgen gehabt: Ein bis zu 15 Meter großer Feuerball wäre durch die Zugabteile gewalzt, Splitter wären weiträumig durch die Gegend geflogen. Dutzende Menschen hätten ihr Leben verloren oder schwere Verletzungen erlitten. 

Einer der herrenlosen Koffer wird im Laufe des Tages im Fundbüro des Dortmunder Hauptbahnhofs abgegeben. Als ein Mitarbeiter ihn öffnet, trifft ihn fast der Schlag: "Grüner Wecker, gelbe Drähte, graue Gasflasche", schildert er später als Zeuge vor Gericht. 

In Koblenz wird zweite Bombe entdeckt

Die Polizei lässt die Umgebung räumen und ruft ein Expertenteam. Einen Tag später wird in Koblenz die zweite Kofferbombe entdeckt. Bei ihren Ermittlungen setzt die Polizei auf Videobilder einer Überwachungskamera aus dem Kölner Hauptbahnhof. Darauf sind zwei Verdächtige zu sehen, von denen einer ein Trikot des damaligen Nationalmannschaftskapitäns Michael Ballack trägt - erst wenige Wochen zuvor ist die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland zu Ende gegangen. 

Als einer der Attentäter, ein damals 21-jähriger Student, sein Bild im Fernsehen sieht, bekommt er Panik und will sich nach Schweden absetzen. Doch der Libanese steht mittlerweile im Visier der Ermittler und wird knapp drei Wochen nach dem Anschlagsversuch am Kieler Bahnhof festgenommen. 

Sein damals 20 Jahre alter Komplize, der zuletzt in Köln wohnte, stellt sich einige Tage später in seinem Heimatland der Polizei. Er wird am 18. Dezember 2007 in Beirut zu zwölf Jahren Haft verurteilt. 

Urteil: Lebenslange Haft

Am selben Tag beginnt vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht (OLG) der Prozess gegen den als Haupttäter geltenden älteren der beiden Männer. Er gibt zu, mit seinem Komplizen die Bomben gebaut und in den Zügen deponiert zu haben - jedoch hätten sie absichtlich nur Attrappen hergestellt. Das glauben ihm die Richter nicht: Im Dezember 2008 verurteilt das OLG den Angeklagten wegen vielfachen versuchten Mordes zu lebenslanger Haft. 

Motiv für die Tat war nach Überzeugung des Gerichts die Veröffentlichung der dänischen Mohammed-Karikaturen in deutschen Zeitungen. Der Angeklagte habe "ein Blutbad von ungeheurem Ausmaß" geplant und sei der Drahtzieher einer "zutiefst terroristischen Tat", sagt der Vorsitzende Richter in der Urteilsbegründung. Nie zuvor sei Deutschland einem islamistischen Anschlag näher gewesen.

dpa

Quelle: wa.de

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