Zehn Jahre nach Dortmunder NSU-Mord: Kritik an den Ermittlern

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Der Untersuchungsausschuss des NRW-Landtags.

Dortmund - Die Angehörigen von NSU-Opfer Mehmet Kubasik in Dortmund sind mit der strafrechtlichen Aufarbeitung der NSU-Morde nicht zufrieden. Wäre eine frühere Aufdeckung möglich gewesen?, fragen sich die Hinterbliebenen.

Der Granitstein an der Dortmunder Mallinckrodtstraße weist auf den Jahrestag des NSU-Mordes: "Zum Gedenken an Mehmet Kubasik - Ermordet am 4. April 2006 durch rechtsextreme Gewalttäter." Vor zehn Jahren wurde der 39 Jahre alte dreifache Familienvater in seinem Kiosk getötet - durch Schüsse in den Kopf. Die mutmaßlichen Täter: Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Zumindest schiebt Beate Zschäpe im Münchner Prozess alle Taten auf die beiden. 

Alle drei gehörten zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt haben sich 2011 erschossen. Zschäpe stellte sich. Zwischen 2000 und 2007 tötete das Neonazi-Terrortrio NSU zehn Menschen in deutschen Großstädten, neun türkisch- oder griechischstämmige Kleinunternehmer und eine Polizistin. 

Kubasik war das achte Opfer. Am Montag wollen Hunderte Bürger in der Mallinckrodtstraße und vor der Gedenkstätte am Hauptbahnhof an die NSU-Opfer erinnern. Mit dabei ist Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD). 

Bei der Einweihung des Gedenksteins im September 2012 vor dem ehemaligen Kiosk musste er die Witwe Elif stützen. Als sie Blumen für ihren Mann niederlegte, brach sie zusammen. Dennoch will Elif Kubasik auch am Jahrestag an der Gedenkveranstaltung teilnehmen. 

Elif und ihre Kinder machen nach dem Mord schlimme Zeiten durch. Die Polizei kommt erst gar nicht auf die Idee, es könnten Neonazis am Werk gewesen sein. Selbst die Aussage einer Zeugin, die zu Protokoll gibt, sie habe zwei Männer in der Nähe gesehen, Junkies oder Nazis, bringt die Ermittler nicht auf den richtigen Weg. 

Jahrelang steht das Opfer im Verdacht, ein Täter zu sein, verstrickt in Drogengeschäfte. Die Information, die in Richtung brauner Sumpf hätte weisen können, versickert zwischen Dortmunder Polizei und der zentralen Ermittlungseinheit "Bosporus" in Bayern. 

Bei den Morden reiht sich Ermittlungsfehler an Ermittlungsfehler. "Wir sind immer davon ausgegangen, dass die Tat einen rechtsextremen Hintergrund hat", sagte Kubasiks Tochter Gamze im Fernsehen bei Günter Jauch. Andere Motive habe sie sich nicht vorstellen können, weil ihr Vater nichts mit dunklen Geschäften zu tun gehabt habe. 

Am 13. Januar konnten Mutter und Tochter im Untersuchungsausschuss des Düsseldorfer Landtags ihrem Herzen Luft machen und noch einmal schildern, wie sie unter Verdacht gerieten. Von der strafrechtlichen Aufarbeitung im Prozess in München versprechen sich die Angehörigen nicht viel. "Die Erwartungshaltung der Familie ist sehr gering", sagt Nebenklagevertreter Peer Stolle. Er vertritt einen Sohn von Mehmet Kubasik. 

Das Interesse an der Aufklärung, ob die NSU-Mitglieder nicht früher hätten enttarnt und festgenommen werden können, sei nicht ausreichend, meint er. Ob sich die letzten Morde hätten verhindern lassen, bleibt vielleicht ungeklärt. Äußerlich weist in Dortmund außer Gedenkstein und Gedenkstätte nichts auf das Verbrechen vom 4. April 2006 hin. 

Der Kiosk von Mehmet Kubasik ist längst Geschichte. Die Leuchtreklame ist zersplittert, die Rollläden sind heruntergelassen. Ein türkischer Buchladen hatte sich 2011 dort eingerichtet. Außer den Worten "Die Nazi Die" ("Stirb Nazi Stirb") - mit Filzstift ganz klein in den Eingang geschmiert - deutet nichts auf eine Tat von Neonazis hin. "Da ist nichts mehr. Die Rollläden gehen nicht mehr hoch", sagt ein Ladenbesitzer 20 Meter entfernt. Um den Jahrestag herum bringt noch die ARD die Geschichte der mutmaßlichen NSU-Terroristen ins Fernsehen. Gezeigt werden drei Spielfilme, die durch einzelne Szenen immer wieder verbunden sind, und eine Dokumentation. Das Dortmunder Stadttheater bringt dann am 9. April noch einmal das NSU-Stück "Das schweigende Mädchen" von Elfriede Jelinek auf die Bühne. Es geht um Beate Zschäpe.

dpa/lnw

Quelle: wa.de

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