Der unbekannte Fluss - Ein Jahr nach dem Extremregen in Münster

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Münster - Mit so einer Katastrophe hatte niemand gerechnet: Binnen weniger Stunden fiel vor einem Jahr in Münster und Umgebung soviel Regen wie sonst im ganzen Sommer. Mit den Folgen kämpfen die Bürger bis heute.

Wenn es in der Nacht regnet und ein Gewitter Blitz und Donner schickt, schrecken Menschen in Münsters Stadtteil Kinderhaus auf. Sie schnappen sich ihre Taschenlampen und rennen ein paar Hundert Meter in Richtung Westen. Dort prüfen sie , ob das Wasser wie geplant abfließen kann.

Denn dort schützt ein Metallrost ein künstliches Flussbett vor der Verstopfung. Vor einem Jahr war der Zulauf wohl verstopft. Beim Jahrhunderthochwasser 2014 hatte das verheerende Folgen. Am Abend des 28. Juli 2014 war in einer etwa 25 Kilometer langen Schneise zwischen Münster und Greven extrem viel Regen gefallen.

Berichterstattung vor einem Jahr:

Heftige Gewitter mit viel Regen: Münster unter Wasser

100 bis 150 Liter pro Quadratmeter, an einer Stelle sogar 292 Liter Niederschlag in wenigen Stunden. 40 Millionen Kubikmeterschüttete es auf die ganze Stadt - Kanäle und Wasserläufe konnten die Massen nicht aufnehmen. Kein Wunder: solche Mengen fallen sonst in einem ganzen Sommer. Polizei und Feuerwehr rückten zu 5000 Einsätzen aus. Ein Autofahrer starb, als sein Wagen von den Fluten eines über die Ufer getretenen Baches erfasst wurde. In 24 000 Haushalten in Münster fiel der Strom aus.

Versicherungen und Kommunen beziffern die Schäden auf insgesamt rund 300 Millionen Euro. Mit den Fluten kam eine neue Unsicherheit: "Es ist ein existenzielles Gefühl für die Verletzlichkeit unseres Lebensraumes entstanden", sagt Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU). Eine Überschwemmung dieses Ausmaßes habe man in der Stadt vorher nicht für möglich gehalten. "Dass es hier kein Hochwasser gibt, galt lange als einer der Vorzüge unserer Stadt", sagt er. Diesen Trugschluss mussten die Menschen in Kinderhaus besonders schmerzhaft erfahren: "Wir wussten ja nicht, dass wir an einem Fluss leben", sagt Marietta Elpers, Mitglied einer Bürgerinitiative in dem Stadtteil. Normalerweise ist der Igelbach im Nordwesten Münsters allenfalls ein Bächlein.

Ein Video vom Unwetter aus dem Netz:

Rinnsal war vor einem Jahr ein großer Fluss

Er schlängelt sich durch die Landschaft, vorbei am Golfplatz in Richtung Stadtteil Kinderhaus, wo er in ein Rohr führt und unter schmucken Einfamilienhäusern durchgeleitet wird. In den Sommermonaten ist mehr als ein trockenes Flussbett nicht zu sehen. Doch vor einem Jahr schwoll das Rinnsal an und schoss mit Gewalt durch die Straßen. Schotterwege wurden weggespült, Spielplätze zerstört, Keller geflutet, das Wasser stand im Erdgeschoss vieler Häuser bis zu den Lichtschaltern. Ein 76-jähriger Mann ertrank, als die Wassermassen seine Kellerfenster bersten ließen. Bis heute hat das Hochwasser tiefe Spuren hinterlassen: Ein Hallenbad ist noch immer nicht wieder aufgebaut, in feuchten Kellern rattern noch die Trocknungsanlagen. Hinzu kommen hohe finanzielle Belastungen: "Es gibt Familien, die wirtschaftlich am Ende sind", sagt Marietta Elpers. Die Versicherungen haben nicht alles aufgefangen, Strom- und Heizkosten sind erhöht.

Nur die wenigsten hatten Elementarversicherungen abgeschlossen, die auch Schäden durch Naturkatastrophen abdecken. Andreas A. Franz, Sprecher der Bürgerinitiative, schätzt, dass die Schäden für die Familien zwischen 50 000 und 100 000 Euro liegen. "Bei manchen auch deutlich höher", sagt er. Nach dem Unglück hatte die Stadt insgesamt fünf Millionen Euro an Soforthilfe-Schecks für Notfälle ausgegeben und weitere Spenden mobilisiert. "Bürger müssen sich auch selbst schützen", sagt Stadtoberhaupt Lewe. "Wir müssen dafür sensibilisieren, dass es diese Momente gibt, in denen der Staat nicht alles regeln kann." Er will künftig schon Kinder in der Schule auf mögliche Folgen durch Klimaextreme vorbereiten.

Wie kann man eine Katastrophe verhindern?

Die Vertreter der Bürgerinitiative wollen dennoch wissen, wie sich das heftige Ausmaß der Katastrophe hätte verhindern lassen - mit besserer Entwässerung, mit besserem Hochwasserschutz, anderen Pumpsystemen. "Das Wetter können sie nicht ändern, aber natürlich die hydrologischen Bedingungen für die Anwohner", sagt Franz. "Kein Kanalnetz kann so dimensioniert werden, dass es solche Sturzfluten schluckt", entgegnet Oberbürgermeister Markus Lewe.

Er verspricht aber auch, die gesamte Infrastruktur werde auf Schwachstellen abgeklopft: "Alles kommt auf den Prüfstand: Wo muss ein Kanal verbreitert werden, wie steht es um die Pumpwerke, welche Bäume pflanzen wir, wo muss eine Eindeichung her, wo gibt es Überflutungsflächen?" Ende 2015 werde das Klimaanpassungskonzept fertig sein. Dann könne es Schritt für Schritt umgesetzt werden. Die Hochwasseropfer in Münster kämpfen vorerst weiter mit der Verarbeitung der Katastrophennacht. "Ein Nachbar hat mir mal gesagt, dass sein Leben noch nie so durcheinander gewesen sei, wie nach dem Jahrhundertregen. Das hat er gesagt, obwohl er den Krieg miterleben musste", erzählt Franz. - dpa

Ein Video vom Unwetter aus dem Netz:

Quelle: wa.de

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