Zwischen Schlamm und Stacheldraht

Zeitungs-Volontär Johannes Opfermann wagt Experiment „Tough Mudder“

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Johannes Opfermann, Volontär unserer Zeitung, wagte das Experiment „Togh Mudder“ in Herdringen.

Arnsberg - Er ließ 18 Kilometer hinter sich, kletterte, krabbelte, sprang und schwamm – und wurde mit dem Erreichen der Ziellinie Teil der „Tough Mudder-Legion“. Ob er es wieder tun würde? „Darüber muss ich noch nachdenken.“

Total abgekämpft stolpere ich nach fünf Stunden Hindernislauf – oder eher Gewaltmarsch – in den Zielbereich. Vor mir nur noch die letzte Prüfung des Extremsportevents namens Tough Mudder: Zehn Meter mit herabhängenden Vorhängen aus Stromkabeln, auf denen bis zu 10.000 Volt Spannung sind, müssen noch überwunden und ein paar niedrige Strohballen übersprungen werden, dann hat man es geschafft. Ich halte wie die anderen Mudder meine Arme als Schutz vor den Kopf und laufe los. Ich mobilisiere noch einmal die Reste meiner Körperbeherrschung und schlängle mich tänzelnd zwischen den Kabeln hindurch. Ich kriege nur einmal einen gewischt, dann darf ich die Trophäen des Tages entgegennehmen: Stirnband, Laufshirt und ein kühles Bier.

Tough Mudder NRW

Rund 12.000 Teilnehmer bewältigten am Wochenende 18./19. Juni den 18 Kilometer langen Hindernislauf um das Jagdschloss Herdringen in Arnsberg. Der Tough Mudder testet Ausdauer, Teamfähigkeit und die körperliche & mentale Stärke. Es gibt keinen Gewinner und es geht nicht um Schnelligkeit sondern um die Herausforderung.

„Elecroshock Therapy“ stand vor dem Rennen eigentlich ganz oben auf meiner Hindernis-Streichliste. Ich hatte sehr unterschiedliche Berichte gelesen, die die Stromschläge mit dem Treffer eines Baseballschlägers verglichen, aber auch von kurzen Blackouts berichteten. Vielleicht will ich dann einfach im Ziel nicht kneifen, nachdem ich schon das vorletzte Hindernis ausgelassen habe, den „Everest 2.0“. Mir fehlte am Ende die Kraft, um noch eine glitschige Rampe hinaufzurennen und mir beim Abrutschen oder beim Versuch, die ausgestreckten Arme der anderen Mudder zu greifen, mir etwas zu zerren oder zu brechen. Überhaupt gehe ich den Lauf etwas vorsichtiger an, schließlich hatte ich mit sechs Wochen eine recht knappe Vorbereitungszeit. Nachdem mich die Redaktion gefragt hatte, ob ich mir die Teilnahme beim Tough Mudder zutrauen würde, und ich „ja“ gesagt hatte, war ich häufiger joggen als davor und ging ein paarmal mehr ins Fitnessstudio. Mit durchschnittlicher Fitness und dem Ziel, irgendwie ohne Verletzungen durchzukommen, fuhr ich also zum Jagdschloss Herdringen in Arnsberg, zum Tough Mudder NRW: 22 Hindernisse auf 17 Kilometern, fast zwei Drittel davon im Wald auf unbefestigter Strecke. Als ob das nicht schon reichen würde, mache ich mir das ganze Erlebnis unabsichtlich noch eine Spur unangenehmer.

Tough Mudder in Herdringen 2016 Teil 1

Worum ich mir vorher – abgesehen von meiner Gesundheit – am meisten Sorgen gemacht hatte, war die Frage, ob meine Laufschuhe nach den Strapazen so schlammverkrustet und ramponiert wären, dass ich sie wegschmeißen könnte. Doch zum Glück muss ich das nicht, weil ich sie zuhause auf dem Balkon stehen lasse. Leider fällt mir das erst wenige Kilometer vor Arnsberg auf. Müssen eben die sportlichen Sneakers herhalten; gut laufen kann man darin ebenfalls. Nur um meine Trittfestigkeit mache ich mir Sorgen, denn verglichen mit einem Running-Schuh haben sie kaum Profil. Ob ich damit verletzungsfrei durchkomme?

Angekommen im Mudder Village, das an das Gelände eines kleinen Musikfestivals erinnert, reihe ich mich in die Startgruppe 12 Uhr ein und mache ein paar gemeinsame Aufwärmübungen mit. Dabei wird auch die Stimmung angeheizt, mit martialischen Sprechchören und einem „Tough Mudder“-Wechselgesang zwischen dem Starterfeld und einem heiseren Einpeitscher, der auch einen guten Drill-Sergeant abgeben würde.

Jungfrauen und Legionäre

Da bleibt keine Faser trocken – und sauber auch nicht. Oben Stacheldraht, unten Schlamm, und dazwischen nur 40 Zentimeter. „Bei diesem Hindernis musst Du Dreck fressen“, sagt der Veranstalter von "Tough Mudder".

Die Jungfrauen genannten Neulinge sollen sich im Stroh hinknien. Die Stehenden werden als Legionäre vorgestellt, die mindestens einen Tough Mudder absolviert haben, und die man um Hilfe fragen kann. Viele Veteranen zeigen mit verschiedenfarbigen Stirnbändern oder Shirts, wie häufig sie sich schon dieser Extremprüfung ausgesetzt haben; ein Mann in der Startgruppe hat sogar 25 Mudder-Events auf dem Buckel. Zu Richard Strauss' „Also sprach Zarathustra“ leisten die Mudder einen Eid darauf, dass Tough Mudder keinen Rennen, sondern eine Herausforderung ist, bei der Teamwork und Teamgeist an oberster Stelle stehen, jeder jedem helfen soll. Der militärische Touch des Rituals erinnert mich unwillkürlich an Vietnam-Filme, lässt mich fast glauben, als lauerten auf der Strecke nicht nur Hindernissen und Matsch, sondern auch der Vietcong.

Tough Mudder in Herdringen 2016 Teil 3

Das erste Hindernis „Kiss of Mud 2.0“ verstärkt noch den Eindruck, in einem Bootcamp der US Marines gelandet zu sein, muss ich doch unter aufgespanntem Stacheldraht durch Schlamm robben. Einige Männer neben mir schwelgen schlammbesudelt in Erinnerungen an den Grundwehrdienst, während ich ans Schlammchaos bei Rock am Ring denken muss. Dass ich als Journalist für meine Recherchen auch mal im Dreck wühlen müsste, habe ich nie ausgeschlossen. So wörtlich hatte ich es mir allerdings nie vorgestellt. Spaß macht es trotzdem.

Knietief im Schlamm

Gemeinsam geht nicht nur beim Tough Mudder alles besser. Bei den Hinderissen ist ohne Hilfe häufig kein Weiterkommen.

Die vom Veranstalter angekündigten 190 Kubikmeter Schlamm haben sich durch Regenschauer vervielfacht. Fast knietief steckt man in einigen Senken im Morast und bewegt sich watend vorwärts; Hauptsache man verliert die Schuhe nicht. Selbst gestandene Mudder-Legionäre sagen, die Strecke wäre eine Spur härter als im Vorjahr. Laufen ist nahezu unmöglich, schon gar nicht mit meinen fast profillosen Sohlen, die mich jede Wurzel, jeden Stein spüren lassen. Selten führt der Weg mal einige hundert Meter über Wirtschaftswege oder durch eine platt getrampelte Schneise im Getreidefeld, sodass ich es wagen kann tatsächlich zu joggen. Diese Abschnitte genieße ich am meisten, habe ich doch wenigstens das Gefühl voranzukommen. Auf den Matschstrecken ist es eher ein Schlittern, meine Fußgelenke brennen vom stetigen Balancieren. Im Wald sehe ich immer weniger, seit ich auf halber Strecke beim „Cage Crawl“ – sich unter einem Gitter durchs Wasser ziehen – auch die zweite Kontaktlinse verloren habe; die erste spült mir bereits das Eiswasserbad am zweiten Hindernis „Arctic Enema“ heraus.

Tough Mudder in Herdringen 2016 Teil 4

Die Kilometer ziehen sich endlos, zermürbend sind aber auch die Wartezeiten an einigen Hindernissen. Hier kann man dafür gut den eingangs beschworenen Teamgeist erleben. Nicht nur Teams im Einheitslook – mit Namen wie „Die Matschochisten“ oder „Juventus Urin“ auf dem Rücken – arbeiten zusammen, Wildfremde helfen sich und feuern gerade diejenigen an, die sich bei den Hindernissen schwertun. Ohne die ein oder andere Räuberleiter und ausgestreckte Hand, ohne den Sportskameraden, der mich nicht nur die halbe sondern die ganze Huckepack-Strecke getragen hat, hätte ich meinen ersten Tough Mudder wohl nicht gepackt. Falls ich nochmal mitmache, als Mudder-Legionär, dann aber mit mehr Training und vor allem mit dem richtigen Schuhwerk.

Quelle: wa.de

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