Taufe und Hochzeit als Event - Priester will nicht mehr

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Thomas Frings

Münster - Die Kirchenbänke in Deutschland werden immer leerer, die gesellschaftliche Bedeutung des Glaubens schwindet. Viele Menschen betreten vielleicht noch für eine Hochzeit eine Kirche. Ein Pfarrer aus Münster macht da nicht mehr mit.

Ein Pfarrer aus Münster kappt ab Ostern seine Wurzeln in der Stadt. Thomas Frings gibt die Leitung seiner Gemeinde ab, sein Hab und Gut wird verkauft, nur wenige Dinge lagert er ein. Dann zieht er in ein kleines Kloster nach Holland.

Der im Glauben tief verwurzelte Priester hat ein Problem. Sein eigenes Engagement, seine Überzeugungen und sein tägliches Handeln in der Gemeinde passen nicht mehr zum immer größer werdenden Bedeutungsverlust der Kirchen in Deutschland. "Es gibt diese gesellschaftspolitische Tendenz, der wir ausgeliefert sind", sagt Frings der Deutschen Presse-Agentur. Seiner Kirchenleitung in Münster macht er keine Vorwürfe. Eine Lösung für das Problem hat er ebenfalls nicht. "Ich bin seit 30 Jahren in der Kirche tätig. Ich kann von mir sagen, Du hast es probiert", sagt der Priester. Sein Großonkel ist der berühmte Josef Kardinal Frings aus Köln. Der Glaube ist dem 55-jährigen geborenen Rheinländer in die Wiege gelegt.

Umso mehr schmerzt es ihn, wenn Eltern, die gerade aus der Kirche ausgetreten sind, ihm ihre Kinder zur Taufe bringen. "Ich frage mich schon, wie diese Eltern, die ihr Kind der Kirche anvertrauen, mit der sie selbst aber nichts mehr zu tun haben wollen, noch mit gutem Gewissen in den Spiegel schauen können", sagt Frings.

Der Pfarrer will Priester bleiben. Er hat bei seinem Bischof nicht wegen einer Frau oder wegen des Zölibats nach über sechs Jahren um Entlassung aus der Leitungsfunktion der Gemeinde gebeten. Frings ärgert sich vielmehr über die fehlende Ehrlichkeit vieler Christen.

"Ein Viertel der Eltern der Kommunionkinder gehen überhaupt nicht mehr in die Kirche. Worauf lassen die Eltern dann ihre Kinder vorbereiten? Auf etwas, was sie selbst ablehnen?" Frings beklagt: "90 Prozent der Gemeindemitglieder kommen nie in die Kirche zum Gottesdienst. Gleichzeitig werden mir Listen mit 2500 Unterschriften gegen Veränderungen vorgelegt. Wenn die alle in der Kirche erscheinen würden, wäre die Kirche voll."

Frings ist streitbar, er kämpft mit Überzeugung. Er sei nicht frustriert, sagt er aber. Etwas anderes als Priester wolle er nicht sein. "Wenn die Sehnsucht in der Gesellschaft nach dem Glauben nicht mehr da ist, will ich da aber niemandem hinterherlaufen."

Wieviel Energie investieren in etwas, das ohnehin immer weiter abnimmt? Diese Frage stellen sich auch andere Mitarbeiter der christlichen Kirchen in Deutschland. Die evangelische und auch die katholische Kirche bieten Anlaufstellen für sie an.

Wunibald Müller ist Psychotherapeut in der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach in Bayern. "Die Zahl derer, die wie Thomas Frings Zweifel haben und damit zu uns kommen, nimmt zu", sagt Müller. Für die Betroffenen sei es eine Zerreißprobe zwischen dem kirchlichen Anspruch und der Wirklichkeit. "Sie halten am Sonntag eine tolle Predigt und trotzdem kommen immer weniger in den Gottesdienst", weiß Müller. Sein Recollectio-Haus ist ein Angebot für Priester, Ordensleute und kirchliche Mitarbeiter in beruflichen Krisen.

Müller schaut sich jeden Fall einzeln an. Fehlendes Selbstwertgefühl, überzogene Erwartungen oder eine Krise in der Lebensmitte? Seine Ratschläge fallen entsprechend unterschiedlich aus. Auch Guido Depenbrock, der das Rückzugshaus Inspiratio in Niedersachsen für die evangelische Kirche leitet, sagt: "Wofür mache ich das eigentlich? Die eigene Motivation zu hinterfragen ist wichtig, dafür sind Orte wie unsere da." Seine Gäste seien oft erschüttert von ihren Erfahrungen in den Gemeinden und von der Erwartungshaltung. "Die Bereitschaft sich zu engagieren nimmt immer mehr ab, während Hochzeiten oder Taufen immer mehr als Event zu vorgegebenen Bedingungen gefordert werden", sagt Depenbrock.

Frings' Entscheidung kann der Psychologe Steffen Fliegel nachvollziehen. "Wir Menschen versuchen unsere Grundbedürfnisse zu befriedigen. So streben wir immer nach Sinnhaftigkeit im Leben, wir vermeiden Unlust bei der Arbeit, wollen also Probleme vermeiden oder lösen. Deshalb macht es Sinn, wenn er mit seiner Arbeit jetzt Schluss macht", sagt Fliege.

Und Frings freut sich auf die Mitbrüder. Sein Holländisch muss er noch aufbessern. Eine Rückkehr ins Bistum Münster schließt er gar nicht aus. Als Niederlage würde er das nicht begreifen. "Der Bischof hält mir die Tür offen. Ich bleibe ja im Team, aber ich wechsel die Position." - dpa

Quelle: wa.de

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