Mord wegen einer Pizza - Angeklagter zu 12 Jahren Haft verurteilt

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Mit einem Aktenordner vor dem Gesicht kommt der Angeklagte am 21. Juli ins Kölner Landgericht.

Köln - Ein Pizzeria-Beschäftigter wird erstochen, weil einem Gast seine Pizza nicht schmeckt. Warum nur? Ein Gericht kann die Frage nicht beantworten und macht aus seiner Fassungslosigkeit keinen Hehl. Aber aufgeben will es den Täter noch nicht.

Wie kann einer den anderen wegen einer Pizza umbringen? Das Landgericht Köln hat sich einen Monat mit dieser Frage beschäftigt. Doch am Freitag räumt die Vorsitzende Richterin Ulrike Grave-Herkenrath bei der Urteilsverkündung unumwunden ein, dass sie "die Frage nach dem Warum" nicht beantworten kann. "Es gab keinen Grund für die Tat", sagt sie.

Wegen Totschlags verurteilt das Gericht den Angeklagten zu zwölf Jahren Haft. Nach viereinhalb Jahren soll er in eine Entziehungsanstalt verlegt werden. Während die Richterin spricht, wirkt der Täter hochgradig nervös, wippt heftig mit beiden Beinen. Er ist 28 Jahre alt, sieht aber viel jünger aus - eher unscheinbar. Keiner, vor dem man sich auf der Straße fürchten würde.

Es kam zum Streit wegen einer Kleinigkeit

Aber er neigt zur Gewalt, und das schon seit vielen Jahren. Immer wieder wurde er wegen Körperverletzung verurteilt, kam ins Gefängnis. Sein Verhalten könne blitzschnell in Aggression umschlagen, sagt Grave-Herkenrath, zumal wenn er - wie zum Zeitpunkt der Tat - angetrunken sei.

Der 27 Jahre alte Beschäftigte einer Pizzeria im Kölner Hauptbahnhof konnte das alles nicht wissen. Er musste annehmen, es einfach nur mit einem sehr unhöflichen Gast zu tun zu haben, als der junge Mann ihm im vergangenen November das Tablett mit den letzten Resten seiner Pizza hinknallte. Es folgte ein Schwall von Beschimpfungen. Irgendwann warf der Beschäftigte die Tasche des Gastes nach draußen und beförderte ihn dann selbst hinaus.

Unter normalen Umständen wäre dies das Ende eines unerfreulichen Vorfalls gewesen. Es waren nur noch wenige Minuten bis Schichtende. Aber der damals 27-Jährige kam wieder - mit einem langen Klappmesser in der rechten Hand. Zunächst konnte der Pizzeria-Beschäftigte die Attacke noch abwehren, doch dann stach ihm der andere tief ins Herz. Das Opfer wankte in die Küche, brach dann zusammen und starb.

Der Täter verließ äußerlich ruhig die Pizzeria und alarmierte Notarzt und Polizei: "Ich habe hier jemanden niedergestochen, das war Notwehr, der hat mich angegriffen." Bei dieser Version ist er geblieben, auch wenn er sich mittlerweile für die Tat entschuldigt hat.

Entziehungsanstalt und Therapie als Perspektive für den Täter

Nach Überzeugung des Gerichts war von Notwehr keine Rede. "Sie sind es allein, der die Verantwortung trägt", sagt Grave-Herkenrath und sieht den Angeklagten dabei an. Er weicht ihrem Blick aus. Sie versucht, ihm noch einmal die Tragweite seines Handelns deutlich zu machen: Ein Ehemann und junger Vater habe sich an jenem fatalen Novembertag morgens von seiner Familie verabschiedet - um nie mehr wiederzukehren.

"Sie können Ihr Leben weiterleben", sagt sie zu dem Angeklagten. Er starrt auf die Tischplatte. "Zwar anders, als Sie es sich bisher vorgestellt haben, aber mit einer Perspektive." Das ist die Entziehungsanstalt, die Therapie. Er habe noch einen langen Weg zu gehen, aber die Aussicht auf Erfolg sei gegeben, sagt die Richterin. Trotz aller Erschütterung und Fassungslosigkeit: Sie hat ihn noch nicht aufgegeben. - dpa

Quelle: wa.de

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