Männer stehen für tödlichen Wasser-Video-Jux vor Gericht

[Update 16.00 Uhr] Bocholt - Es sollte ein großer Spaß unter Kegelfreunden werden. Sekunden später folgte im Münsterland bei einem Jux-Video ein schreckliches Unglück mit einem Toten und vielen Verletzten. Doch mit der Schuldfrage tut sich das Gericht schwer.

Alles war vorbereitet für das Internetvideo. Die Mitglieder eines Kegelclubs im Münsterland saßen auf ihren Bierbänken und warteten auf den Wasserschwall, der sich für die "Cold-Water Challenge" über ihnen ergießen sollte. Doch dann ging alles schief, der Bagger mit dem Wasser stürzte genau in die Gruppe, ein Mann starb.

Seit Freitag ist die Aktion nun ein Fall für den Richter. Der 37-jährige Fahrer erzählte zum Prozessauftakt, wie er zusehen musste, als ein Kegelbruder von der Wucht der Schaufel erschlagen wurde. Wie weitere seiner Freunde zum Teil schwer verletzt wurden. "Es standen ja auch Kinder da. Zum Glück ist denen nichts passiert", sagte er.

Immer wieder musste er seine Aussage unterbrechen. Seine Stimme brach weg, Tränen flossen. Klar ist, dass die 1800 Liter Wasser in der großen Schaufel zu viel für das Fahrzeug waren und es zum Umkippen brachten. Die Tonnenlast kracht genau auf die Kegelgruppe. Die Anklage lautet auf fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Tötung.

Neben dem 37-Jährigen sitzt der Besitzer des Teleskopladers. Der Landwirt war bei dem Unglück nicht dabei, hatte das Gerät für die Aktion als Freundschaftsdienst ausgeliehen. Ein Gutachter stellte am ersten Prozesstag fest, dass so einiges schief gelaufen ist. Ein Warnsystem an dem Fahrzeug hatte bei dem Unglück nicht ausgelöst. Ein Sensor an der Hinterachse warnt den Fahrer normalerweise, wenn das Fahrzeug überladen wird und umzukippen droht.

Überladen war das Gefährt - und zwar nach Aussage des Gutachters um 1100 Kilogramm. Anstatt 1800 Litern Wasser hätten höchsten rund 700 Liter aufgenommen werden dürfen. "Diese Teleskoplader werden in der Landwirtschaft immer beliebter, aber sie bergen auch Gefahren", sagte der Kfz-Experte in seiner Aussage. Dabei spielt die Physik eine große Rolle. Während zum Beispiel ein Gabelstapler hohe Lasten nur senkrecht nach oben wuchtet, verändert ein Teleskoplader sein Gleichgewicht je nach Winkel des ausgefahrenes Arms. Ein Warnsystem stößt deshalb einen lauten Piepton aus, falls Gefahr droht. "Wenn die Warneinrichtung nicht funktioniert, ist das Unglück vorprogrammiert", sagte der Gutachter in Richtung des angeklagten 37-Jährigen aus.

Denn: Das Warnsystem hatte nachweislich nicht ausgelöst. Wer dafür die Schuld trägt, blieb am Freitag offen. Fest steht: Bereits Wochen vor dem Unglück muss jemand einen Stecker in dem System gezogen haben. "Das zeigen die Spuren und der Staub in dem Kasten", sagte der Gutachter. Dafür kann es mehrere Gründe geben. Der Besitzer hatte den Lader immer mal wieder verliehen. Auch war die Maschine in der Vergangenheit bereits wegen eines Softwarefehlers in der Werkstatt.

Die Witwe des getöteten Kegelbruders ist auch nach dem Unglück noch mit dem Fahrer befreundet. Ihre Kinder gehen gemeinsam zur Grundschule und zum Tanzen. Auch die Kegelbrüder machen dem Angeklagten keinen Vorwurf. "Er sitzt jetzt alleine da, eigentlich müssten wir da alle sitzen", sagte ein Zeuge aus.

Der Richter fragte in dieser Prozess-Situation nach dem Sinn von Bestrafung. "Wieder gutmachen kann hier eh niemand mehr etwas. Ich schlage deshalb vor, den Prozess gegen Geldauflage einzustellen." Die Vertreter der Angeklagten signalisierten ihre Bereitschaft dazu. Die Staatsanwaltschaft will allerdings am zweiten Prozesstag (2. Oktober) weitere Zeugen vernehmen. In Gruppen wie Kegelclubs oder bei der Feuerwehr hatte sich die "Cold-Water-Challenge" vor Jahren weltweit verbreitet. Daraus wurde dann die "ALS Ice Bucket Challenge", bei der Gelder für die Nervenkrankheit ALS gesammelt wurden. -dpa

Quelle: wa.de

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