Kirchenreformator Luther rockt die Westfalenhalle

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Frank Winkels (links) als der erwachsene Martin Luther und Giulio Riccitelli als das Kind Martin Luther.

Dortmund - Martin Luther ist knapp 500 Jahre nach der Verbreitung seiner kirchenkritischen Thesen wieder da. Ein sehr modernes Pop-Oratorium erzählt die Geschichte des Beginns der Reformation. In Dortmund kam es zur stimmgewaltigen Uraufführung.

Strapse, Sonnenbrille, Zigarre - Macht, Geld und Verführung: Das Pop-Oratorium Luther ist ein Sinnbild für die heutige Zeit. Kein Mönch in der Kutte, keinen Kaiser mit Krone und kostbarem Gewand bietet das Musical auf. Alles ist modern. Luther tritt in Schwarz auf, aber in Cargohose und Kapuzenpullover. Der junge Kaiser Karl V. trägt Baseballkappe und spielt mit dem Handy.

Ja, der Reformator Martin Luther nagelt seine kirchenkritischen Thesen in der Musicalversion an diesem Sonntag vor 16.000 Zuschauern ans Kirchenportal. Ob er es vor fünf Jahrhunderten in Wittenberg tatsächlich auf diese Weise getan hat, ist bis heute umstritten.

Künstler singen und tanzen auf der Bühne bei der Uraufführung des Pop-Oratoriums "Luther".

Die Uraufführung versetzt ins Jahr 1521, vier Jahre nach der Verbreitung seiner 95 kritischen Thesen um Ablasshandel und andere Verfehlungen der Kirche. Der von Papst Leo X. gebannte Luther steht in Worms vor Kaiser und Fürsten und soll die ketzerischen Thesen widerrufen. Der Tod auf dem Scheiterhaufen droht. Es geht um die Macht von Kaiser und Kirche. Luther widerruft bekanntlich nicht.

"Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen." Luther sagte es 1521. Jetzt singt er es. Luther bezahlte seine Weigerung nicht mit dem Leben. Sein Kurfürst Friedrich hatte freies Geleit ausgehandelt und versteckt ihn auf der Eisenacher Wartburg. Luther schreibt weiter und übersetzt als der große Reformator die Bibel für den kleinen Mann.

Gänsehaut-Atmosphäre durch Mega-Chor

Zwei Jahre vor dem großen Reformationsjubiläum erteilt das Musical den tausenden Besuchern keine reine Geschichtslektion. Es rockt die Halle. Die für einen Chor ungewöhnliche Zahl von 3000 Sängern schafft Gänsehautatmosphäre. Er bildet im Hintergrund das Bühnenbild.

Aktuell ist Luther damals wie heute. Es regt zum Nachdenken an, ob man der Obrigkeit kritiklos folgen darf. "Wir holen Luther vom Podest und feiern mit ihm den Sieg des individuellen Gewissens über die übermächtige Autorität einer fragwürdigen Tradition", sagt Texter Michael Kunze. Vor Jahrhunderten machte die Kirche viel Geld mit dem Ablasshandel - dem Sündenerlass gegen Geld. Im Musical spielen Manager mit Sonnenbrille und Zigarre die Ablasshändler und verkaufen symbolisch Ablassaktien im Publikum.

Bis zum Jahr 2017 - wenn 500 Jahre Reformation gefeiert wird - pausiert das Oratorium. Bis dahin werden neue Darsteller und Chorsänger gesucht. - dpa

Quelle: wa.de

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