"Auch wir Journalisten hatten Angst"

Hammer Sportreporter erlebte den Terror im Stade de France

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Tausende Zuschauer  flüchteten nach Spielschluss in den Innenraum des Stade de France.

Paris/Hamm - Der gebürtige Hammer Sven Westerschulze hat die Anschlagsserie von Paris persönlich miterlebt. Als Sportreporter für unsere Verlagsgruppe war der 26-Jährige am Freitag direkt im Stadion. Im Gespräch mit Martin Krigar beschreibt Westerschulze, dessen Laufbahn einst als freier Mitarbeiter unserer Zeitung in der Kreisliga Unna-Hamm begann, seine Eindrücke und Erlebnisse einer dramatischen Nacht.

Sie waren am Freitagabend selbst im Stade de France. Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl: Hier ist etwas nicht in Ordnung?

Westerschulze: Ehrlich gesagt erst am Anfang der zweiten Halbzeit. In der ersten Hälfte haben wir zwar zwei Explosionen gehört. Es ging ein leichtes Raunen durchs Stadion, auch auf der Pressetribüne, weil die schon sehr laut waren. Aber in diesem Augenblick hat keiner gedacht, dass sich gerade jemand in die Luft gesprengt hat. Erst zu Beginn der zweiten Halbzeit, als ein Kollege aus den Katakomben zurück auf die Pressetribüne kam, erfuhren wir, dass etwas Schlimmes passiert sein musste - die Stadiontore wurden nämlich geschlossen. Was sich genau ereignete, war uns aber noch nicht vollends bewusst. Während der zweiten Halbzeit hatte ich immer wieder telefonischen Kontakt zu meinen Kollegen in der Redaktion in München, die mir mehr und mehr Einzelheiten schilderten. Die waren allerdings genauso unbestätigt wie die Infos, die wir über das Internet selbst erfuhren. Auch Teile des Publikums mussten zu diesem Zeitpunkt schon etwas gewusst haben, die Stimmung im Stadion wurde immer ruhiger.

Die Fernsehbilder direkt nach Spielschluss vermittelten den Eindruck von leichter Panik unter den Zuschauern. Wie haben Sie persönlich die Stimmung im Stadion nach dem Schlusspfiff empfunden?

Westerschulze: Wir Journalisten wollten in die Mixed-Zone, in der wir nach den Spielen immer noch mit den Spielern sprechen können. Auf dem Weg dahin herrschte ein riesiges Durcheinander. Erst verließen die Leute das Stadion ganz normal, plötzlich rannten sie wieder zurück. Aber wir wussten nicht warum. Inzwischen war klar, dass es in Paris mindestens einen Terroranschlag gegeben hat. Dass sich Attentäter in der Nähe des Stadions in die Luft gesprengt hatten, war auch nach dem Spiel noch nicht zuverlässig bestätigt. Wir gingen wieder zurück auf die Tribüne, von dort aus sahen wir auf einmal tausende Zuschauer auf dem Rasen. Nicht nur die Fans, auch wir Journalisten hatten Angst. Keiner wusste, was als nächstes passieren würde.

Hatten Sie noch in der Nacht Kontakt mit besorgten Freunden, Kollegen oder mit Familienangehörigen aus Hamm?

Westerschulze: Eigentlich jeder von uns im Stadion hatte per Handy Kontakt nach Deutschland. Familien und Freunde riefen an oder fragten über die sozialen Medien, ob es uns gut ging. Von Minute zu Minute erfuhren wir weitere Details, aber durch die Vielzahl an Anschlägen war die Situation sehr chaotisch. Keiner wusste so recht, wie gefährlich die Situation tatsächlich ist. Das wurde uns erst später im Laufe der Nacht bewusst.

Hatten Sie in der Nacht noch Kontakt zur Mannschaft?

Westerschulze: Nein. Die Spieler wurden komplett abgeschottet. Die absolut richtige Entscheidung vom DFB.

Wann und wie sind Sie am Samstag wieder nach Deutschland gekommen?

Westerschulze: Wir Journalisten wurden in der Nacht zunächst zu unserem Hotel gebracht, nachdem wir bis zwei Uhr im Stadion ausgeharrt hatten. Es war bis dahin für uns der sicherste Ort. Die Stimmung auf der Fahrt zum Hotel durch Paris war angespannt, es war unheimlich ruhig, die Straßen komplett leergefegt. Wie es am nächsten Morgen weitergehen würde, war da noch nicht klar. Um kurz vor sechs wurden wir geweckt, eine Viertelstunde später saßen wir schon im Bus auf dem Weg zum Flughafen. Um kurz vor neun sind wir dann in einer Chartermaschine zusammen mit der Mannschaft zurück nach Deutschland geflogen - viel früher als geplant. Eigentlich sollte der Flieger erst am Sonntag gehen. Doch keiner wollte länger als nötig noch in Paris bleiben. Auch die Spieler waren sichtlich geschockt von den schlimmen Ereignissen.

Im nächsten Jahr findet die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich statt. Mit welchen Gedanken wird ein Reporter, der diesen Terror-Abend vor Ort erlebt hat, nach Paris zurückkehren?

Westerschulze: Vermutlich mit einem sehr, sehr mulmigen Gefühl. Es war ja nicht der erste Terroranschlag in Paris. Und selbst altgediente Journalistenkollegen haben so einen schrecklichen Anschlag bei einem Fußballspiel noch nicht erlebt. Natürlich stellt man sich jetzt die Frage: Wie sicher ist ein Fußballspiel noch, wie sicher ist eine Europameisterschaft? Diese Gedanken beschäftigten auch die Spieler. Einige von ihnen können sich derzeit nicht einmal vorstellen, dass sie am Dienstag schon wieder ein Spiel bestreiten sollen.

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Quelle: wa.de

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