Waltraud Angenendt engagiert sich für Flüchtlinge in Drensteinfurt

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Waltraud Angenendt ist für Flüchtlinge in Drensteinfurt die erste Ansprechparterin.

Drensteinfurt - Wenn Flüchtlinge in Drensteinfurt Hilfe oder einen Rat benötigen, dann ist sie die erste Ansprechpartnerin: Waltraud Angenendt engagiert sich seit über 30 Jahren ehrenamtlich für Flüchtlinge. WA-Mitarbeiterin Maike Geißler sprach mit der 67-Jährigen über ihr Engagement.

Angenendt ist außerdem Mitbegründerin des Deutsch-Ausländischen-Freundeskreises Drensteinfurt (DAF). Dieser bietet Deutschkurse, eine Kleiderkammer, Begleitung zu Behörden, Ärzten und Rechtsanwälten und Beratung in Alltags- sowie Rechtsfragen.

Sie sind in Drensteinfurt bekannt als die erste Ansprechpartnerin für Flüchtlinge. Warum?

Waltraud Angenendt: Vielleicht, weil ich schon so lange beim DAF dabei bin und weil ich die meisten Flüchtlinge persönlich kenne. Ich berate sie in allen Angelegenheiten. Aber die ganze Hilfe vom DAF funktioniert ja nur im Team. Wir sind fünf Frauen im Vorstand. In der Kleiderkammer arbeiten acht Frauen, und unser Unterstützerkreis besteht aus etwa 15 Leuten. Alle arbeiten ehrenamtlich.

Ihre Arbeit ist bestimmt nicht immer leicht, oder?

Angenendt: Das stimmt, sie ist herausfordernd. Aber es ist auch eine sehr befriedigende Arbeit. Ich bin ein Mensch, der gerne etwas bewegt. Und das kann ich durch meinen Einsatz. Zum Beispiel habe ich kurz vor diesem Interview erfahren, dass der Bruder und der Sohn eines irakischen Mannes, der hier lebt, durch meinen Einsatz nach Drensteinfurt kommen. Das wäre sonst vielleicht anders gelaufen. Solche Erlebnisse sind schön und beflügeln. Soziale Fragen haben mich schon während der Zeit, in der ich als Grundschullehrerin gearbeitet habe, mehr interessiert, als das Unterrichten.

Seit wann engagieren Sie sich für Flüchtlinge?

Angenendt: Seit 1981. Damals lebten hier elf Asylbewerber in einem baufälligen Jugendheim. Ich habe das zufällig mitbekommen, das Thema war damals nicht so präsent. Ich wollte sie kennenlernen und habe einen Kochabend veranstaltet. Nach und nach kamen weitere Frauen dazu. 1988 habe ich dann gemeinsam mit Walburg Dietrich und Alison Kreuzer den DAF gegründet. Wir fanden es gut, einen Verein zu gründen, damit wir Spenden entgegen nehmen konnten und mehr wahrgenommen wurden. In der Anfangszeit war vieles schwierig. 1993 lebten in Drensteinfurt 450 Asylbewerber – derzeit sind es rund 130. Von den Gründerinnen bin die einzige, die noch aktiv ist. 1990 kam Gudrun Treydte dazu und viele andere im Laufe der Zeit, die sich heute stark engagieren.

Was zeichnet die Arbeit des DAF aus?

Angenendt: Wir wollen vor allem Hilfe zur Selbsthilfe bieten. Die Asylbewerber sollen so schnell wie möglich unabhängig werden, die Schule besuchen, eine Ausbildung beginnen oder Arbeit finden können. Daher bieten wir vor allem strukturelle Hilfe an: Die wöchentliche Beratung und die Deutschkurse sind unsere Schwerpunkte. Die Sprachkurse bieten wir seit 2010 an. Inzwischen gibt es zwei von uns in Drensteinfurt sowie zwei in Walstedde unter Regie des Caritaspunktes, in Rinkerode soll bald einer anlaufen.

Mit welchen Fragen kommen die Asylbewerber zu Ihnen in die Beratung?

Angenendt: Pro Beratung kommen etwa zehn Flüchtlinge. Wir unterstützen sie bei der Besorgung von Papieren und der Vorbereitung auf das Interview im Rahmen des Asylverfahrens, beantworten Fragen, die die Asylbewerber haben. Zum Beispiel berate ich einen jungen Syrer, der seinen minderjährigen Bruder aus Österreich hierher holen will. Ganz wichtig für mich ist es, immer ehrlich zu sein. Wenn ich zum Beispiel bei jemandem keine Chance sehe, dass sein Asylantrag bewilligt wird, dann sage ich das auch. Was derjenige daraus macht, bleibt ja ihm überlassen. Zum Beispiel begleiten wir ihn zu einer Rechtsanwältin. Wenn gar nichts anderes mehr geht, haben wir die Möglichkeit, bei Rückführungen mit dem DRK zusammenzuarbeiten.

Wie eignen Sie sich das Wissen für die Beratung an?

Angenendt: Ich lese immer neue Gesetze. Und ich bin Mitglied im Flüchtlingsrat Warendorf, dessen Sprecherin Juristin ist. Sie informiert uns immer. Aber ich lese auch sonst sehr viel im Internet nach. Wie klappt das mit der Verständigung in der Beratung? Angenendt: Ich spreche englisch und französisch, ein bisschen spanisch. Der Rest funktioniert mit Händen und Füßen. Oder ich suche mir einen Dolmetscher oder hole Verwandte mit dazu, die deutsch können.

Wie viel Zeit wenden Sie für die Arbeit beim DAF auf?

Angenendt: So um die 130 Stunden im Monat. Ich beschäftige mich aber auch mit dem Thema, wenn ich zu Hause bin, telefoniere oder recherchiere im Internet. Fast jede Nacht lese ich Emails. Vermutlich sind es wohl doch mehr als 130 Stunden (lacht).

Fällt Ihnen das Abgrenzen schwer?

Angenendt: Ich verwende inzwischen schon sehr viel meiner Freizeit auf das Engagement. Das Abschalten ist schon das Hauptproblem. Ich habe immer im Hinterkopf: Da sind Menschen mit heftigen Problemen. Aber ich kann inzwischen auch sagen: Jetzt ist es genug, jetzt bin ich privat bei meiner Familie. Meine neun Enkel wollen auch was von der Oma haben.

Hat Ihre Arbeit Auswirkungen auf Ihr Privatleben?

Angenendt: Bei uns haben schon mal Flüchtlinge gewohnt. Zum Beispiel ein afghanischer junger Mann, der sich vor seinem Onkel verstecken musste. Und ich wende so viel Zeit auf, dass meine Kinder auch schon gesagt haben: Mensch, du hättest dich auch mehr um uns kümmern können. So einen Vorwurf zu hören, fühlt sich natürlich nicht so gut an. Mit kleinen Kindern würde ich es heute vielleicht auch nicht mehr so machen wie damals.

Gab es Situationen, in denen Sie dachten: „Ich höre auf“?

Angenendt: Ja, das war so um 1993 herum. Da herrschte eine rassistische Stimmung in Drensteinfurt. Es wurden Hakenkreuze an Übergangswohnheime geschmiert, ich bekam Drohbriefe. Die habe ich nicht so ernst genommen. Aber dann wurde mein damals 17-jähriger Sohn auf einer Party bedroht. Da haben welche gesagt: „Wir verprügeln dich, weil deine Mutter für Ausländer ist.“ Er ist über den Acker geflohen und nach Hause gerannt. Da habe ich überlegt, aufzuhören. Aber ich habe es nicht gemacht.

Warum haben Sie sich entschieden, weiterzumachen?

Angenendt: Weil es damals nur so wenig Leute gab, die sich engagiert haben – auch heute könnten wir mehr sein. Und das sind Menschen, die wirklich Hilfe brauchen. Die alleine nie das Leben schaffen würden in unserem Bürokratie-Dschungel. Mein Engagement war nötig. Und da konnte ich nicht einfach sagen: Jetzt mache ich das nicht mehr. Das ging nicht.

Was sind für Sie besonders schöne Erlebnisse mit Flüchtlingen?

Angenendt: Höhepunkte sind gemeinsame Feste oder Aktionen, zum Beispiel Weihnachtsplätzchen backen. Toll ist auch, wenn ich Fortschritte beim Deutschlernen erkenne bei denen, die regelmäßig kommen. Manche starten durch, gehen in die Schule, machen eine Ausbildung, finden Arbeit. Und es ist schön, wenn Familienzusammenführungen gelingen.

Gibt es auch unerfreuliche Erlebnisse?

Angenendt: Unerfreulich ist, wenn sich jemand allem entzieht. Früher bin ich da noch hinterhergerannt, aber heute nicht mehr. Wer nicht in den Sprachkurs geht, wer sich nicht bemüht, dem helfe ich auch nicht. Wer etwas von mir will, der kommt in die Beratungsstunde. Und wie bei allen Menschen gibt es tolle, sympathische aber eben auch unsympathische. Wenn ich angeschnauzt werde – das kommt aber nicht oft vor – dann sage ich auch: „Zu mir brauchen Sie nicht mehr kommen.“ Das ist die Freiheit des Ehrenamtes.

Was machen Sie, wenn Sie sich nicht gerade für Flüchtlinge engagieren?

Angenendt: Meine neun Enkelkinder nehmen großen Raum ein. Und ich helfe jeden Tag auf unserem Bio-Hof, das macht viel Arbeit. Aber auch da bleibt wohl manchmal etwas auf der Strecke. Eigentlich kann ich gar nicht alles, was so ansteht, bewältigen. Da bräuchte ich ein zweites Leben (lacht).

Sie sind auch Ratsfrau bei den Grünen. Wie wirkt sich Ihr Ehrenamt auf diese Tätigkeit aus?

Angenendt: Ich bringe die Flüchtlingsthemen auch in den Sozialausschuss ein. Ich kenne die Situation in Drensteinfurt und kann das fundiert äußern. Dadurch kann ich politisch etwas bewirken, das ist schön.

Wie geht es beim DAF weiter?

Angenendt: Wir geben die Kleiderkammer im evangelischen Gemeindezentrum Ende August auf und übergeben sie an die Malteser. Der Aufwand steht nicht mehr im Verhältnis zur Menge der Leute, die kommen. Wir brauchen mehr Ressourcen für die Beratung, die Klärung von Konflikten in Wohnheimen, die Unterstützung bei Asylverfahren. Außerdem wollen wir mehr niederschwellige Angebote anbieten, bei denen sich Deutsche und Flüchtlinge kennenlernen können. Diese Begegnungen sind mir ganz wichtig. Wir wollen uns weiter mit anderen Gruppen vernetzen und Flüchtlingskinder verstärkt fördern.

Quelle: wa.de

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