Schrauben gegen die eigene Angst und Ungewissheit

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Rami Batal arbeitet für die Stadt – und hilft beim Einrichten der Wohnungen für andere Flüchtlinge. Er selbst lebt in der Sammelunterkunft am Herlinghauser Weg.

Kierspe - Wenn in Kierspe Flüchtlinge in eine Wohnung umziehen, dann sind es die Mitglieder des Vereins „Menschen helfen“, die für die Ausstattung der Räume sorgen – mittlerweile erhalten sie dabei aber tatkräftige Unterstützung von Rami Batal, einem jungen Syrer, der selbst seine eigene Wohnung zurücklassen musste, um für seine Frau und sich einen Ort zu suchen, wo sie sicher leben können.

Der junge Flüchtling und seine Frau stehen bereits vor dem Haus – ihre Habseligkeiten sind in Plastiktüten untergebracht. Doch die Wohnung ist noch nicht fertig. An Rami Batal liegt das sicher nicht nicht. Der 31-Jährige springt mit dem Akkuschrauber über das 1,40 Meter breite Bett, um auf der anderen Seite die Schrauben anzuziehen. Er arbeitet so schnell und konzentriert, als würde er nach Akkord bezahlt. Tatsächlich verdient er nur 1,05 Euro. Die Stadt hat den Syrer angestellt, um gemeinnützige Arbeit zu leisten. Und gemeinnützig ist diese tatsächlich.

Batal kam im Januar nach Deutschland, im Februar wurde er nach Kierspe geschickt, wo er am Herlinghauser Weg in die Sammelunterkunft zog.

„Bereits kurz nach seinem Einzug, fing er dort an, mit einfachsten Mitteln Möbel zu reparieren“, erinnert sich Karin Schmid-Essing vom Arbeitskreis Flüchtlinge. Später kaufte dann der Verein „Menschen helfen“ eine Werkzeugausrüstung für den 31-Jährigen, damit die Arbeit schneller und professioneller von der Hand geht. Und seitdem er bei der Stadt arbeitet, richtet er Wohnungen für andere Flüchtlinge ein.

Mit geübtem Blick betrachtet er die Möbel, weiß, wo Schrauben angezogen werden müssen, damit es nicht mehr quietscht, erkennt, wie der Schrank zu richten ist, damit dieser gerade steht – und das Anbringen von Gardinen ist so schnell erledigt, als hätte er nie etwas anderes gemacht.

Als seine Arbeit in der Wohnung erledigt ist und die zukünftigen Bewohner sich in dem neuen Heim bereits umschauen, steckt er sich eine Zigarette in der Küche an – und erzählt. Es ist noch gar nicht so lange her, da lebte er mit seiner 25-jährigen Frau noch in einer Stadt im Nordosten Syriens. Dort war er in einer Möbelfabrik tätig und hatte sich auf die Bearbeitung von Aluminium spezialisiert. Doch an Arbeit war in den Monaten vor seiner Flucht nicht zu denken. Von Regierungsgruppen und den Mördern des Islamischen Staates bedrängt, wusste sich Batal keinen anderen Rat als zu flüchten. Während er sich auf den Ladeflächen von Lastwagen und oft im Schutze der Nacht über die Türkei und Griechenland nach Deutschland durchschlug, floh seine Frau mit ihren Eltern in den Nordirak.

Heute lebt die 25-Jährige in einem Flüchtlingcamp – keine Autostunde von den Gebieten des IS und mittlerweile auch unter dem Beschuss der türkischen Luftwaffe, die dort nun gegen die PKK kämpft. Schaut man in die Augen des jungen Mannes, dann sieht man die Angst und Ungewissheit. Aber wenn er spricht, dann klingt er hoffnungsvoll.

Täglich wartet er auf seine Anerkennung als Flüchtling – dann möchte er gerne seine Frau nachholen. Sollte all das klappen, dann kann er vielleicht auch aus der Sammelunterkunft in eine eigene Wohnung ziehen.

Doch bis es soweit ist, wird er wohl noch oft für andere Menschen, die in Kierspe Aufnahme gefunden haben, zum Akkuschrauber greifen.

Unterstützung erhält er bei seiner Arbeit von Lulzim aus Tirana/Albanien. Der 52-Jährige möchte seinen Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen. Zu groß die Angst, in sein Heimatland zurückkehren zu müssen.

Vor zwei Jahren ist Lulzim nach Kierspe gekommen – bereits zum zweiten Mal. Anfang der 1990er Jahre war der Mann, der ein Diplom in Tourismus-Marketing hat, bereits schon einmal geflüchtet, damals vor dem kommunistischen Regime. Nach dem dieses nicht mehr regierte, kehrte er zurück, machte sich selbstständig und hoffte auf ein besseres Leben. Nach eigenen Angaben kooperierte er in den vergangenen Jahren mit der Polizei im Kampf gegen korrupte Strukturen und die Mafia. Das könne er auch mit einem Schreiben der Anti-Terror-Einheit der albanischen Polizei belegen. In Kierspe ist er nur geduldet, für drei Monate. Was danach kommt, weiß er nicht. Im Moment ist er einfach froh, die gemeinnützige Arbeit bei der Stadt zu haben – und damit etwas Abwechslung von dem täglichen Einerlei.

Von Johannes Becker

Quelle: wa.de

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