Mohammed Addas schildert seine Flucht nach Bönen

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Der zehnjährige Ahmad und sein Vater Mohammed Addas leben jetzt in Bönen.

Bönen - Er hatte ein gutes Leben, sagt Mohammed Addas. Mit seinem Einkommen als Maler konnte er seine fünfköpfige Familie versorgen und die Miete bezahlen. Doch dann begann der Bürgerkrieg in Syrien. Heute lebt der 42-Jährige mit seinem kleinen Sohn Ahmad in einer Asylbewerberunterkunft in Bönen.

Hinter ihm liegt Terror, Folter und Gewalt sowie eine monatelange Flucht durch fünf Länder. Vor ihm liegen Ungewissheit und Angst. Seine Frau und beide Töchter musste der schwerkranke Mann zurücklassen. Sie riskieren derzeit ihr Leben, um zu ihm in den Frieden zu kommen.

Ohne Vorwarnung kam der Terror in das Leben der Familie. 15 Männer der Militärpolizei stürmten ihre Wohnung und überwältigten den Vater vor den Augen seiner Kinder. Sie fesselten ihn, verbanden seine Augen und schleppten ihn in ein Gefängnis nach Damaskus.

Sie warfen ihm vor, die Opposition zu unterstützen und Waffen zu besitzen. Nichts davon sei wahr, beteuert Mohammed Addas. Doch seine Peiniger wollten ein Geständnis - um jeden Preis. Sie legten im Steine zwischen die Zähne und schlugen ihm ins Gesicht. Seine Zähne zerbrachen. Sie fesselten ihn an eine Stahltür, überschütteten ihn mit Wasser und drangsalierten ihn mit Elektroschocks. Sechs Tage lang hing der Syrer an dieser Tür. Anschließend wurde er in eine winzige, völlig überfüllte Zelle gebracht. Immer wieder holten ihn seine Schinder heraus, um ihn zu foltern. Einen Anwalt oder gar ein ordentliches Gerichtsverfahren gab es für ihn nicht. Ein halbes Jahr dauerte sein Martyrium. Dann wurde Mohammed Addas freigelassen - ebenso willkürlich wie er zuvor verhaftet worden war.

Zu Hause angekommen, schlug ihm seine Frau die Tür vor der Nase zu. Abgemagert wie er war, hielt sie ihn für einen Bettler. Ahmad rannte davon - er hatte Angst vor seinem fremden Vater. In einer Klinik musste Mohammed Addas zunächst zu Kräften kommen. Einige Jahre zuvor war bei ihm Lymphdrüsenkrebs festgestellt worden, durch Schock und Hunger erkrankte er im Gefängnis an Diabetes.

Er wurde abermals verhaftet, kam wieder frei. Die Miliz versuchte, seine Tochter zu verschleppen. Die Tat scheiterte, doch die Familie hatte zu diesem Zeitpunkt alle Hoffnung verloren, in ihrer Heimat überleben zu können.

Die Addas’ nahmen alle Ersparnisse und liehen sich Geld von Verwandten und Freunden. Damit kauften sie die Fahrkarten für das Frachtschiff, das sie in die Türkei brachte. Doch auch dort fand die Familie keine Ruhe. „Das Leben in Istanbul ist zu teuer. Wir haben es nicht geschafft, die Miete zu bezahlen, obwohl ich gearbeitet habe“, erzählt der 42-Jährige.

Frau und Töchter bleiben in der Türkei

Die Trennung von seiner Frau und den beiden Töchtern zerriss Mohammed Addas das Herz, aber er sah als einzigen Ausweg die weitere Flucht. Seinen Sohn Ahmad nahm er mit. Mit dem Flugzeug erreichten sie zunächst Algerien. Von dort aus marschierten sie zu Fuß durch die Berge nach Marokko. Weiter ging es in die spanische Exklave Melillia und schließlich nach Cordoba.

Mohammed Addas fand für sich und seinen kleinen Jungen eine Bleibe. In der Wohnung lebten mehrere afrikanische Männer. „Sie haben den ganzen Tag Haschisch geraucht und Drogen genommen.“ So stand für den Vater nach einem Monat fest, dass er Ahmad so schnell wie möglich von dort fortbringen muss. Zumal er laut Gesetz in Spanien nicht arbeiten durfte. Mithilfe des Roten Kreuzes erreichten die beiden Madrid. Von dort aus flogen sie Anfang des Jahres nach Hamburg. Das Geld dafür hat sich der 42-Jährige von einem Marokkaner geliehen.

Völlig übermüdet und ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, erreichten die Flüchtlinge die Bundesrepublik. Mohammed Addas verstand kein Wort von dem, was die Zollbeamten ihm erklärten - nur, dass sie ihm nicht gerade freundlich gesonnen waren. Immerhin setzten sie Vater und Sohn in den Zug nach Dortmund. Dort lebten die beiden drei Wochen lang in einer Notunterkunft, bis sie schließlich der Gemeinde Bönen zugewiesen wurden.

Ein winziges Schlafzimmer, ein Bad und eine Küche mit Sitzgelegenheit steht ihnen am Nordkamp zur Verfügung. Die Wohnung ist heruntergekommen, hinter dem Küchenschrank schimmelt es. Mohammed Addas schläft auf einer dünnen Matratze, die er tagsüber an die Wand klappt. So hat Ahmad ein bisschen Platz zum Spielen oder um seine Hausaufgaben zu erledigen.

Dennoch ist der 42-Jährige froh, wenigstens seinen zehnjährigen Sohn in Sicherheit zu wissen. Ahmad hat sogar wieder angefangen zu lachen, wenn auch noch zaghaft. Dass, was er erlebt hat, nagt an dem zierlichen Jungen. Noch mehr aber leidet er unter der Trennung von seinen Schwestern und seiner Mutter. „Er hat solche Sehnsucht nach ihr“, weiß sein Vater. Er selbst wird von Angst gequält. Noch immer ist seine Frau mit den Mädchen in der Türkei. Bereits vor sechs Monaten hat Mohammed Addas den Asylantrag gestellt, täglich wartet er auf eine Nachricht vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Erst wenn er dort angehört wird, besteht die Chance, dass seine Familie auf legalem Weg zu ihm nach Deutschland kommen kann.

Mit dem Schlauchboot über das Meer

„Sie leben jetzt auf der Straße“, erzählt der Syrer. Von dem wenigen Geld, was ihm als Aslybewerber zur Verfügung steht, schickt er so viel wie möglich seiner Familie. Wieder hat er sich Geld geliehen - Geld für eine Verzweiflungstat. Am 29. Juli bestiegen seine Frau und die Töchter ein von Schleppern organisiertes Schlauchboot. Das sollte sie und 39 weitere Syrer von der Türkei aus auf eine griechische Insel bringen. Der Plan scheiterte.

Bei der Einfahrt in griechische Gewässer wurden die Flüchtlinge von der Küstenwache aufgefordert, umzukehren. Sie ignorierten das Kommando. Daraufhin kamen vier maskierte Männer mit einem Schiff. Sie zerstörten den Motor und die Schläuche des Bootes. Vier Stunden lang trieben die Passagiere im Meer, nur noch gehalten von der letzten Hoffnung und einer Schwimmweste. Fischer sammelten die zu Tode Erschöpften schließlich ein. Mohammed Addans’ 14-jährige Tochter musste im Krankenhaus beatmet werden, seine Frau erlitt einen Nervenzusammenbruch.

All das schilderte sie ihm am Telefon, der „Nabelschnur“, die die beiden durch zwei Welten verbindet. Ihr Bericht ist unterbrochen von verzweifelten Schluchzern und Schreien. Der Syrer hat das Gespräch aufgezeichnet. Immer wieder hört er die Aufnahme ab, unfähig ihr beistehen zu können.

Seine 17-jährige Tochter Hanin hat ihm ein Gedicht geschickt. Es heißt „Der Weg des Todes“. Sie werden es wieder versuchen“, ist sich Mohammed Addas sicher.

Quelle: wa.de

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