Mohammed Zead Wesse: Masseur aus Syrien

+
Mit seiner christlichen Familie ist Mohammed Zaed Wesse vor dem syrischen Bürgerkrieg geflohen. Nach zweieinhalb Jahren erreichte er Deutschland.

Drensteinfurt - Mohammed Zead Wesse ist erst 24 Jahre alt, zweieinhalb Jahre davon war er auf der Flucht. Eine Flucht, die ihn von seiner Heimat Syrien aus durch sieben Länder führte –allein, krank und erschöpft, aber ausgestattet mit einem unbändigen Wunsch nach Freiheit und Leben.

Geboren 1991 in Aleppo, der Hauptstadt der islamischen Kultur im Norden Syriens, unterschied sich schon seine Kindheit erheblich von der eines deutschen Kindes. Zunächst ging er drei Jahre in den Kindergarten, später fünf Jahre zur Schule.

Dann endete seine Kindheit abrupt. Er und sein Bruder mussten arbeiten gehen, um das Schulgeld für seine vier Schwestern aufzubringen. Sein Vater, ein Stadtbeamter mit niedrigem Gehalt, brachte ihn bei einem Freund unter, der ihn als Gesellen annahm und zum Masseur ausbildete.

Damals war Mohammed Wesse elf Jahre alt. Immer wenn das Geschäft des Freundes schlecht lief, gab dieser ihn zu einem Schneider in die Lehre. So erlernte der junge Syrier gleich zwei Berufe. Mit der Zeit vergaß er, was er in der Schule gelernt hatte. „Bei uns ist es üblich, dass die älteren Brüder arbeiten gehen, damit die Mädchen studieren können“, erzählt der Flüchtling.

Mit 18 Jahren wurde er für zweieinhalb Jahre zum Militär eingezogen. Nachdem er dort ein Jahr gedient hatte, brach der Bürgerkrieg aus. „Unsere Ausbildung änderte sich, wurde brutal“, berichtet er. Bei Demonstrationen versprühten wir Gas, knüppelten die Demonstranten brutal nieder“, berichtet er zitternd. Seine Kameraden und er wussten, dass das falsch war, wurden aber von den Vorgesetzten gezwungen. Nach Beendigung seiner Ausbildung verließ er die Armee.

Als eine seiner Schwestern bei einem Bombenangriff ums Leben kam, entschloss sich die christliche Familie, das Land zu verlassen. Sie flüchteten in die Türkei, aber auch dort gibt es für die vielen Flüchtlinge keine Zukunft. So entschied sein Vater, beide Brüder einzeln in eine bessere Zukunft zu schicken.

Der damals 20-jährige Mohammed ging als Erster. Sein Ziel: Deutschland. Seine erste Etappe: Izmir, die Hafenstadt an der türkischen Ägäisküste. Von hier aus floh er mit dem Schlauchboot gemeinsam mit 50 anderen Menschen nach Griechenland. „Wir waren acht Stunden auf dem Meer, das Boot fuhr langsam, die Wellen schlugen hoch“, erinnert er sich.

Ohne Geld – das hatten die Schlepper bekommen – aber am Leben erreichte das Boot eine der griechischen Inseln. Die griechische Regierung gewährte den Flüchtlingen sechs Monate Aufenthalt. Unterstützung gab es keine. Der Syrer ging nach Athen in das arabische Viertel. Wenn er Schwarzarbeit fand, nahm er sie an. Gab es keine Arbeit, bettelte er und suchte sich Essen aus Abfallcontainern.

Da er keine Unterkunft hatte, schlief er in einem Garten. Dort beobachtete ihn ein Syrer. Der Landsmann, ein Restaurantbesitzer, hatte Mitleid mit dem Jugendlichen und gab ihm einen Job als Tellerspüler in seinem Restaurant. Dafür erhielt er Verpflegung, eine Unterkunft und etwas Geld. Er blieb fünf Monate. Der hilfsbereite Restaurantbesitzer zahlte ihm 2 000 Euro Lohn und schenkte ihm zusätzlich 500 Euro.

Im Gepäck nur die Landkarte und ein Handy

Seine nächste Etappe: Albanien. Dem Fluchthelfer, der ihn und 18 andere Leute zu Fuß über die Berge nach Albanien brachte, bezahlte Mohammed Wesse 750 Euro. In Albanien wurde die Gruppe von der Polizei erwischt, das Rote Kreuz verhinderte aber, dass die Syrer zurückgeschickt wurden. Nach fünf Tagen machte sich Wesse allein auf den Weg nach Montenegro.

 Im Gepäck eine Landkarte. In Montenegro ging er zur Polizei. Anstatt zu helfen, sperrten sie ihn für sieben Tage ins Gefängnis und brachten ihn dann in ein Lager. „Da wurde ich richtig krank“, berichtet er. Die Flucht über die Berge, der lange Fußmarsch, die schlechte Ernährung, Ungeziefer und Erschöpfung forderten ihren Tribut. „Ich litt unter Allergien, meine Haut war entzündet.“ Ein Arzt im Lager kümmerte sich um ihn, wollte ihn ins Krankenhaus einweisen, doch der junge Syrer floh erneut. Mit seiner Landkarte, einem Handy und drei Akkus, zu Fuß und nun auch noch krank, versuchte er Serbien zu erreichen.

Die Flucht aus Syrien führte Mohammed Wesse durch sieben Länder.

Wie durch ein Wunder erreichte er Serbien, auch hier ging er zur Polizei. Diese brachte den erschöpften und kranken Flüchtling direkt ins Krankenhaus. „Ich war wie tot“, sagt er sichtlich bewegt. Acht Tage blieb er dort, ließ seine Gelbsucht behandeln. Einen Monat sollte er bleiben, aber Mohammed Wesse hatte ein Ziel. „Ich wollte nach Deutschland. Ich wusste, dort ist meine Rettung. Dort gibt es Freiheit, Menschenrechte und Versorgung. Ich bin immer nur gelaufen, gelaufen, gelaufen.“

Er floh aus dem Krankenhaus nach Belgrad und übernachtete in einem Heim. Da man ihn am nächsten Morgen zurück ins Krankenhaus bringen wollte, machte er sich vor Sonnenaufgang unbemerkt auf den Weg nach Ungarn. 13 Tage war er erneut zu Fuß unterwegs, als er an eine verminte Zone kam. „Ich hatte große Angst um mein Leben, aber nichts mehr zu verlieren“, berichtet Wesse. Er sei durch das Feld gegangen, lange Strecken auf dem Boden gerobbt, bis er an seinem Handy sah, dass er Ungarn erreicht hatte. Wieder meldete er sich bei der Polizei, die ihn zurück nach Serbien schicken wollte.

Doch zuerst brachten sie ihn in ein Lager, das mit Stacheldraht gesichert war. Alle Nationalitäten seien dort gewesen, aber kein weiterer Syrer. Mitten in der Nacht kletterte der junge Flüchtling über den Stacheldraht, dabei verletzte er sich schwer am Fuß. „Ich hatte große Schmerzen, kam nur langsam voran und machte oft Pause“, resümiert er. Irgendwann erreichte er Budapest und kaufte sich von seinem letzten Geld eine Zugfahrkarte nach Deutschland. Aus Angst vor Kontrollen in Österreich versteckte er sich auf der Zugtoilette. „Es lag wohl daran, dass es Nacht war, dass keine Kontrollen unterwegs waren“, überlegt er.

In Stuttgart angekommen, am Ende seiner Kraft, sprach der junge Syrer den ersten Polizisten an, dem er begegnete. Die Polizisten vermittelten eine Ägypterin, die für ihn dolmetschte, ihm Essen kaufte und ihn von ihrem Handy aus mit seiner Familie telefonieren ließ. Man brachte ihn für eine Nacht nach Karlsruhe, dann für fünf Tage nach Dortmund. Dort untersuchte ein Arzt seine Wunden und wies ihn sofort in ein Krankenhaus in Unna ein, wo er neun Tage lang behandelt wurde. Weitere zwölf Tage verbrachte er in einem Heim, ehe er im November 2014 in Drensteinfurt eintraf.

Mohammed lebt jetzt in einer WG, seine Haut ist geheilt, sein Fuß fast in Ordnung. Er lernt Deutsch, möchte arbeiten und ist zufrieden und dankbar, dass er hier in Sicherheit ist. Seine Familie ist immer noch in der Türkei. Der ältere Bruder ist mittlerweile in Griechenland auf den Weg nach Deutschland. Sein Wunsch ist es, seine Familie zu unterstützen und am besten alle nach Deutschland zu holen.

Quelle: wa.de

Mehr zum Thema

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare