Mohammad aus Syrien hofft, seine Familie nachholen zu können

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Mohammad war Informatik-Student in Kairo, als der Krieg in Syrien ausbrach. Nun lernt der 31-Jährige in Sprachkursen des Arbeitskreises Flüchtlinge in Werne Deutsch.

Werne - Mohammad hatte Glück. Als der Krieg in Syrien ausbrach, studierte er in Ägypten. Um dem Einzug ins syrische Militär zu entgehen, floh er nach Deutschland. Jetzt lernt der studierte Informatiker die hiesige Sprache und hofft, seine Familie nachholen zu können und einen Job zu finden.

Mohammad arbeitet den Fahrplan der Bahn schnell durch. Er geht mit dem Bleistift über das Blatt, überlegt und schreibt sich erklärende Sätze neben die Symbole. Neben die gekreuzten Hämmer schreibt er: Fährt nur an Werktagen. Neben das Kreuz: Nur an Sonn- und Feiertagen. Noch bevor alle Erklärungen durchgesprochen wurden, hat er die Aufgabe gelöst. Der 31 Jahre alte Syrier sitzt in einem Deutschkurs für Flüchtlinge im Juwel in Werne.

Seit dieser Stunde darf er in der Fortgeschrittenengruppe teilnehmen. Seine Lehrerin aus der Anfängergruppe hat ihm das entsprechende Können bescheinigt. Auch wer mit Mohammad spricht, merkt, wie gut sein Deutsch ist. Obwohl er erst seit neun Monaten hier lebt.

Er stammt aus der Mittelmeerstadt Latakia. Die Region ist das Kernland des syrischen Machthabers Baschar al-Assad und eine der letzten Bastionen der Regierung. Das ist Mohammads Glück. Seine Familie ist noch dort und aktuell in Sicherheit. Der „Islamische Staat“ ist noch nicht dorthin vorgestoßen.

"Töten oder getötet werden"

Mohammad hat eine Frau und zwei Söhne, die vier und zweieinhalb Jahre alt sind. „Ich denke viel an sie“, sagt er. „Im Moment sind sie sicher, aber das kann sich schnell ändern.“ Auch wenn aktuell kein Krieg in der Stadt herrscht, hat er Angst, seine Familie zu gefährden, wenn er mit Medien spricht. Deswegen schreiben wir seinen Nachnamen nicht, zeigen nicht sein Gesicht.

Als 2011 der Krieg in Syrien ausbrach, war Mohammad in Kairo. Er hat an der Universität seinen Master in Informatik gemacht, während Assads Truppen einen Feldzug gegen die eigenen Bürger starteten. Mohammad blieb in Ägypten, bis sein Pass abzulaufen drohte.

„Ich konnte ihn nicht mehr in der Botschaft verlängern“, erzählt er. Dafür hätte er nach Syrien einreisen müssen. Und dort hätte man ihn sofort ins Militär eingezogen. „Es hatte nur zwei Möglichkeiten gegeben: Entweder ich hätte getötet oder ich wäre getötet worden“, sagt er. „Man hätte mir befohlen, auf Menschen zu schießen. Das könnten Zivilisten sein – oder sogar mein Bruder“.

Mohammad vertraute sich einem Schlepper an

Ohne gültigen Pass hätte er nicht in Ägypten bleiben können. Und seine Familie hätte er auch nicht nachholen können. Was also tun? Mohammad ist mit seinem noch gültigen Pass in die Türkei geflogen. Von dort hat er sich einem Schlepper anvertraut und ist per Fischerboot zusammen mit 120 anderen nach Sizilien gefahren.

„Es gab nicht genug zu essen und zu trinken. Wir mussten auf blankem Metall schlafen.“ Nach sechs Tagen ist der Diesel ausgegangen. Nach einem weiteren Tag hat sie ein Containerschiff gerettet. Von Italien aus ist er mit der Bahn nach Österreich und dann nach Deutschland gefahren.

"Ich bin nur hier, um sie in Sicherheit zu bringen"

Er kann gut Englisch und konnte die Ticketautomaten bedienen. So ist er erst in Burbach und dann in Südkirchen gelandet, wo er bis jetzt lebt und auf die Bewilligung seines Asylantrags wartet. Seit April kommt er zweimal die Woche zu den Deutschkursen des Arbeitskreises Flüchtlinge in Werne.

Drei Stunden Unterricht pro Woche sind nicht viel. Aber Deutsch fällt ihm nicht schwer, nur die Artikel seien hart für ihn. „Es braucht einfach Zeit“, sagt er. Aber Arabisch sei viel komplizierter. Wenn sein Asylantrag bewilligt wird, möchte er einen Job als Informatiker finden. Er hofft, dass sein Abschluss anerkannt wird. Dann möchte Mohammad auch seine Familie nachholen. „Ich bin nur hier, um sie in Sicherheit zu bringen.“

28 asylsuchende Syrer in Werne

In Syrien herrscht seit 2011 Bürgerkrieg. Seit Beginn des Krieges sind etwa vier Millionen von 17 Millionen Syrern auf der Flucht. Die meisten davon sind in die Nachbarländer Syriens geflohen. Etwa 310 000 sind nach Europa gekommen, ein Drittel davon nach Deutschland. 20,3 Prozent der Asylanträge deutschlandweit im bisherigen Jahr 2015 stammen von Syrern. Damit sind sie die größte Gruppe der Asylsuchenden. Von 247 Asylsuchenden, die in Werne leben (Stand 5. August) stammen 28 aus Syrien. Seit Beginn des Krieges werden keine Asylsuchenden dorthin abgeschoben.

Quelle: wa.de

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