Vor IS-Terror nach Soest geflüchtet

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Bahar, ihr Mann Saman und Sohn Aram sind glücklich, in Soest angekommen zu sein.

Soest - Bahar heißt Frühling in der Sprache der Jesiden. Aber nichts lag der jungen Frau, die von ihren Eltern mit diesem Namen ins Leben geschickt worden war, in den ersten Februartagen ferner als Gedanken an knospendes frisches Leben, an Blütenduft und Sommerabende im Kreise der großen Familie. Die IS-Miliz, und mit ihr Terror und Tod, rückte unaufhaltsam an die nordirakische Kleinstadt Snuny heran und zwang erst den Frühling aus den Köpfen der Menschen, die dort zu Hause waren – und dann Bahar, ihren Mann Saman und den damals nicht einmal zweijährigen Sohn Aram aus der Stadt.

Frühling wurde es für die junge Familie erst wieder tausende Kilometer entfernt in Soest.

In seiner Heimatstadt war Saman Besitzer einer gut gehenden Apotheke, die Familie mit seinen Eltern und neun Brüdern war angesehen und wohlhabend – und plötzlich nichts mehr von alledem. Sondern Menschen auf der Flucht, die, wie so viele andere auch, nur das mitnahmen, was sie tragen konnten.

Aber Saman und seine kleine Familie wurden die Auserwählten: Während alle anderen in einem Flüchtlingslager im kurdisch kontrollierten Grenzgebiet des Nordirak unterkamen, erhielt er das Geld für die Flucht nach Deutschland aus dem hastigen Verkauf von allem, was auf die Schnelle noch zu verkaufen gewesen war.

Bis zur Ankunft in Soest im März musste der Familienvater insgesamt 25 000 Dollar an Schlepper und Schleuser zahlen.

In einem kleinen Wagen machten sich die Drei auf durch die winterliche Türkei. Nachdem sie das Auto unterwegs verkaufen mussten, schlugen sie sich durch, teilweise zu Fuß durch knietiefe Schneefelder, wurden weitergereicht von Unbekannten an Unbekannte, bis sie schließlich die Küste des Schwarzen Meeres erreichten.

Bittere Kälte auf dem Meer

Dort verfrachteten sie weitere Mittelsmänner auf ein kleines Boot, das sie mit einem Dutzend anderer Flüchtlinge nach Bulgarien brachte. Von den Stunden der nächtlichen Überfahrt ist Saman vor allem die bittere Kälte in Erinnerung geblieben – eine große Tasche mit warmer Kleidung war da im Chaos der Flucht schon abhanden gekommen. In die einzige verbliebene dicke Jacke wurde Aram gewickelt. Dann, endlich, das Ufer. Wieder warten, wieder unbekannte Männer, wieder ging es schließlich weiter - quer durch halb Europa, bis sie 15 Tage nach dem Beginn ihrer Flucht in Snuny in Hamburg abgeladen wurden.

Mit der Registrierung als Kriegsflüchtlinge begann der vorerst letzte Teil ihrer langen Reise: Sie wurden weiter verwiesen nach Nordrhein-Westfalen, dort einige Tage in einer zentralen Aufnahmestelle in Bielefeld aufgenommen und schließlich Anfang März nach Soest gebracht. Seitdem haben Saman, Bahar und Aram in der zentralen Sammelunterkunft in der Waldstraße auf 15 Quadratmetern die Sicherheit gefunden, die ihnen von religiösen Fanatikern in ihrer Heimat unwiderruflich genommen wurde. So viel der jungen Familie diese Sicherheit auch wert ist, sie ist doch nur die Grundlage für das neue Leben, das sich das junge Ehepaar mit ihrem kleinen Sohn jetzt aufbauen will – besser heute als morgen.

Bürokratischen Mühlen fordern viel Energie

„Ich will so schnell wie möglich wieder für uns selber sorgen können“, schreibt der 27-Jährige mit Hilfe der Übersetzungsfunktion seines Handys. Energie hat er mehr als genug, die bürokratischen Mühlen fordern aber ihren Anteil davon – die meiste Zeit verbringt die junge Familie bislang mit Warten: auf Dienstag und Donnerstag, weil dann der Sprachkursus in der Johannesschule stattfindet; auf den August, weil Aram dann Aussicht auf einen Kindergartenplatz hat; auf Anrufe der Familie aus dem Nordirak; auf eine kleine Wohnung, in der sie endlich wieder so etwas wie ein Zuhause finden.

Was bis vor wenigen Monaten ihr Zuhause war, ist zerstört: Bomben und Granaten haben aus Snuny eine menschenleere Ansammlung von Ruinen gemacht.

Heute weiß Saman, dass er mit seiner Familie gerade noch rechtzeitig entkommen ist. Endgültig ankommen in seiner neuen Heimat Soest, darüber macht er sich keine Illusionen, wird sehr viel länger dauern als 15 Tage – und wohl auch länger als einen Frühling.

Quelle: wa.de

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