Mit den Flüchtlingskindern neue Herausforderungen – auch fürs Klinikum

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„Spannende Zeiten.“ Unter den vielen Kindern, die Dr. Michael Thiemeier (rechts) und sein Team von der Kinderstation im Klinikum Stadt Soest täglich behandeln, sind neuerdings auch regelmäßig Flüchtlingskinder. Nicht in großer Zahl, aber oft mit interessanten Krankheitsbildern und Vorgeschichten, die sich vom Durchschnitt unterscheiden.

Soest - Sich mit kleinen, kranken Kindern zu beschäftigen und ihnen zu helfen, ist von sich aus eine lohnende und abwechslungsreiche Aufgabe. Doch mit der steigenden Zahl der zu uns kommenden Flüchtlinge ist die Aufgabe für Dr. Michael Thiemeier und seinem Team auf der Kinderstation im Klinikum Soest noch interessanter und bunter geworden.

„Das ist derzeit richtig spannend“, sagt der 60-jährige Kinderarzt und fügt sofort ungefragt hinzu: „Kritisch ist die Lage auf keinen Fall.“

Natürlich gebe es „globale Erkrankungen“ wie eine Lungenentzündung oder ein Nierenversagen, mit denen sich Mediziner auf der ganzen Welt gleichermaßen auskennen. Doch die Kinder etwa aus Afrika, die bei ernsten Erkrankungen aus den Unterkünften im gesamten Kreis Soest im Klinikum Hilfe suchen, weisen auch Krankheitsbilder auf, die hier zunächst „niemand auf dem Schirm hat“.

Thiemeier berichtet von einem Jungen, der mit hohem, unklaren Fieber gebracht wurde. „Wir rastern nach unseren Standards und Erfahrungen.“ Aus der Vielzahl der Möglichkeiten schälte sich am Ende eine fortgeschrittene Malaria heraus, die Milz war bereits riesig, die Blutarmut erheblich. Der junge Patient wurde rasch ins Tropeninstitut nach Düsseldorf verlegt und dort intensiv behandelt.

„Seine Mutter hat alles richtig gemacht“, sagt Michael Thiemeier. Ohne die Flucht nach Deutschland, ohne die professionelle Hilfe in den Kliniken hier „hätte das Kind nicht überlebt“.

Weil das Gesundheitssystem in den Herkunftsländern der Flüchtlinge nur minimal im Vergleich zu Westeuropa ist, fehlen den Ärzten hier praktisch sämtliche Informationen. „So eine lückenlose Kontrolluntersuchung von Säuglingen und Kleinkindern kennen die meisten nicht“, sagt Thiemeier. „Wir hier screenen die Neugeborenen schon innerhalb der ersten 36 Stunden.“

So hätte einem Dreijährigen, der unlängst im Klinikum behandelt wurde, viel erspart werden können. Der Flüchtlingsjunge litt unter Brechdurchfall, Appetitlosigkeit, war apathisch und schläfrig. Die Soester Ärzte entdeckten rasch die erhebliche Unterzuckerung des Kleinen. Ein Stoffwechseldefekt, der hier in Deutschland sofort bei der ersten Untersuchung nach der Geburt aufgefallen und umgehend „unspektakulär“ behandelt worden wäre.

„So einfache Dinge wie Nächstenliebe“

Aber auch bei klassischen Kinderkrankheiten wie Masern oder Keuchhusten sieht die Welt in Afrika oder in den Bürgerkreisländern des Nahen Ostens erheblich anders aus. Kompletter Impfschutz ist dort ein Fremdwort. Thiemeier: „Wir hier führen eine Wohlstands-Diskussion, ob eine Masern-Impfung überhaupt nötig sei.“

Im besten Fall mit einem Dolmetscher, im Normalfall „eher mit Gesten“ klappe die Verständigung mit den Eltern der kranken Dötze. Doch ob mit oder ohne Worte: „Die große Hoffnung der Eltern, dass ihren Kindern geholfen wird, ist allenthalben spürbar.“

Thiemeier hat denn auch seine liebe Mühe zu verstehen, wenn hierzulande über den Umfang der Hilfe für Flüchtlinge räsoniert wird: „Wir verstehen uns als christliche Gesellschaft und hätten mehr Ruhe und weniger Feuer, wenn wir uns auf so einfache Dinge wie etwa Nächstenliebe konzentrieren würden.“

Der Arzt hält es gern mit dem Bibelvers aus dem Matthäus-Evangelium: „Das, was Du dem Geringsten meiner Brüder getan hast, das hast Du mir getan.“

Quelle: wa.de

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