Anzeiger-Redakteur bei Flüchtlingen

Achim Kienbaum: Ein Journalist wohnt in der Sammelunterkunft

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Mauern und ein Dach – nicht mehr, nicht weniger: Die Flüchtlingsunterkunft an der Waldstraße.

Soest - Der Journalist Achim Kienbaum verbrachte ein Wochenende in einer städtischen Sammelunterkunft für Flüchtlinge und erlebte so am eigenen Leib das beengte Leben auf 15 Quadratmetern.

Hier lesen Sie seinen Erfahrungsbericht:

Unser Autor: Achim Kienbaum hat ein Wochenende in einer Sammelunterkunft verbracht.

"Shazan Miah hat eine Reise um die halbe Welt hinter sich, die Wochen dauerte – ich war in einer knappen Viertelstunde hier, nicht eingerechnet einen kleinen Schlenker zum Edelbäcker in der Altstadt für ein spätes Frühstück. Treffen sollten wir uns im dritten Stock der städtischen Sammelunterkunft für Flüchtlinge an der Waldstraße, Zimmer 301, um zwei Tage lang 15 Quadratmeter und Lebenszeit zu teilen.

Das war der Plan. Pläne werden überbewertet. Besonders wenn es um ihren Stellenwert im Leben von Menschen geht, deren gesamte Lebensplanung sich gerade in Nichts aufgelöst hat. Weder empfängt mich der junge Mann aus Bangladesh in dem kargen kleinen Raum, den er seit einigen Monaten sein Zuhause nennen muss, noch wird er überhaupt auftauchen. Das weiß ich freilich noch nicht, als ich das Wenige, was ich mitgebracht habe, auf dem unbenutzten Bett ausbreite. Und warte.

Kein Raum der Stille

Stille gibt es hier nicht, irgendwer der rund 100 Menschen in diesem großen Haus, das einmal ein Verwaltungsgebäude der belgischen Streitkräfte war, ruft immer, schlägt Türen zu, dreht Radios oder Fernseher auf oder tut irgendetwas anderes, was Geräusche aller Art verursacht. Warten kann ich nicht so gut, schlendern kann ich besser. Los geht´s. Süßlicher Essensgeruch, ein Gemisch aus den Gewürzen aller Kontinente, kommt mit den Menschen und dringt bis in den letzten Winkel vor.

Gekocht wird in Gemeinschaftsküchen im Keller – getrennt nach Familien und alleinstehenden Junggesellen – gegessen wird in den Zimmern, auf dem Boden. Für Tische ist kein Platz. Für Teppiche schon. Sie dürfen in keinem der Familienwohnräume fehlen – zaghafte Versuche, textile Heimeligkeit zu schaffen und fast immer die erste größere Anschaffung in der neuen Welt.

Wer ist, was er hat, mag hier von außen betrachtet wenig sein – aber Not hat schon immer erfinderisch gemacht und zur Improvisation angetrieben. Was gebraucht wird und nicht im „Begrüßungsset“ der Verwaltung enthalten ist, das jeder Flüchtling bei seiner Ankunft bekommt, das wird „organisiert“.

Das Leben als Materialschlacht

Gefragt ist, was nutzt. Fahrräder, das Fortbewegungsmittel der Wahl, werden abgegeben oder für kleinstes Geld erworben, repariert, wenn sie defekt sind und untereinander gehandelt. Wasserkocher, Radios, Spielzeug für die zahlreich herumstreifenden Kinder – was das Leben ein wenig leichter und angenehmer machen könnte, ist gefragt.

Wirklichkeit in der Waldstraße: Wer hier ankommt, den erwarten keine Wochen im Luxus. Aber Sicherheit und Tage ohne Angst und bodenlose Armut.

Das Leben hier ist, neben warten und warten, auch eine Materialschlacht. Die Dinge des täglichen Bedarfs kaufen die Menschen in den nahegelegenen Discountern zwar selber ein, die nötige Infrastruktur, die aus dem schieren Dach über dem Kopf aber erst eine Unterkunft auf Zeit macht, die wird natürlich zur Verfügung gestellt. Und dann mit einer Intensität genutzt, die mehr oder weniger ständigen Ersatz und Austausch überstrapazierter Ausrüstungen erfordert.

Das mag in den meisten Fällen mit fehlenden Erfahrungen im Umgang mit elektronischen Haushaltshelfern zu tun haben, in anderen Fällen wohl aber auch mit einer Art von Gedankenlosigkeit, die manche Menschen ganz unabhängig von Herkunft und Wohlstand für die Handhabung von Dingen reservieren, die sie nicht selbst bezahlen müssen. Nagelneue Waschmaschinen halten manchmal nur wenige Wochen, weil ihnen längst nicht nur verschmutzte Kleidung zur Reinigung anvertraut werden.

Herdplatten verglühen regelrecht, weil sie nach dem Kochen nicht abgestellt werden. In den Toiletten oder Waschräumen scheint der Licht-Aus-Schalter in seiner Bedeutung nur einer verschwindend kleinen Minderheit der Bewohner bekannt zu sein. Müll aller Art fällt reichlich an und füllt eine Batterie von Containern auf dem Hof vor der Unterkunft – wenn sie überquellen, freuen sich Katzen aus der Nachbarschaft, die diese Futterquelle schnell entdeckt hatten.

Kein Abenteuerspielplatz

Es ist ruhig, kleinere Gruppen von Menschen – Alte, Junge, Kinder – haben sich an diesem warmen Tag schattige Plätze rund ums Haus herum gesucht. Nationen bleiben unter sich, alleine schon die sprachlichen Hürden in diesem kleinen Babylon können in den Sommerhimmel wachsen.

Über allem liegt eine Trägheit, trotz des stetigen Kommens und Gehens. Das Haus an der Waldstraße ist kein Abenteuerspielplatz, hier wird angekommen. Die meisten sind darin Anfänger, wenige Profis. Ankommen kann dauern, manche Bewohner sind schon Jahre hier, auch wenn das die Ausnahme von der Regel ist. Das Haus, das sind Mauern und ein Dach – nicht mehr, nicht weniger. Für Shazan Miah ist es ein Ort, um den er heute einen Bogen macht, warum auch immer. Eigentlich müsste er sich abmelden. Eigentlich. Ich warte."

 

Richard Weise - Hausmeister, Ratgeber und Kontrolleur

Für Kinder wie den neunjährigen Shpejtim ist Richard Weise mehr als „nur“ der Hausmeister.

Jede volle Stunde macht sich Richard Weise auf den Weg – vom Büro im Erdgeschoss rüber durch die Wohncontainer, zurück ins Hauptgebäude. Angefangen vom Kellergeschoss mit Gemeinschaftsküchen, Waschräumen, Werkstätten und Lagerräumen, dann weiter über den ersten, zweiten und schließlich dritten Stock wieder zurück ins Büro.

Der 57-Jährige ist in der Flüchtlingsunterkunft an der Waldstraße eigentlich „nur“ Teilzeit-Hausmeister, tatsächlich aber ist er auch Ansprechpartner, Ratgeber – und Kontrolleur. „Es ist wichtig, dass jemand vor Ort ist“, ist eine von vielen Erfahrungen, die Weise seit seinem Arbeitsantritt hier vor knapp sechs Monaten gemacht hat. „Präsenz schafft Vertrauen und hilft enorm dabei, kleinere Probleme schnell zu lösen, bevor sie sich zu größeren auswachsen können.“

Stündliche Kontrollgänge

Die stündlichen Kontrollgänge von Weise und seinen Kollegen, die von morgens um 7 Uhr bis abends um 22 Uhr fast durchgehend vor Ort sind, gehören zu dieser Präsenz. Unerträgliche Hitze Heute ist es in den Containern, im Verwaltungsdeutsch „mobile Wohnmodule“ genannt, unerträglich heiß. Sommer halt. Die 30 Menschen, die hier in jedem der Module in Zweibettzimmern wohnen, kommen nur zum Schlafen und zum Essen herein.

Trotzdem muss Weise in jeder Toilette und in jeder Dusche das Licht löschen. „Ich weiß nicht warum, aber es gibt kaum jemanden, der beim Verlassen den Schalter drückt“, zuckt Weise mit den Schultern. Findige Tüftler am Werk In einer der Familienküchen steht ein herrenloser Topf mit kochendem Wasser auf einem Herd, die Platte auf größter Hitze – niemand ist zu sehen.

Ein Intervallschalter soll den Strom eigentlich nach einiger Zeit automatisch abschalten, um Schlimmeres zu verhindern – findige Tüftler haben ihn längst mit einfachsten Mitteln überbrückt. Irgendwer hat von innen seinen Schlüssel in der Küchentür stecken gelassen. Weise steckt ihn ein, schließt ab – und setzt seine Runde fort.

"Verdienen eine faire Chance"

Dann ein Lichtblick: In der Junggesellenküche ist kein einziger Abfluss verstopft – nicht nur hier, sondern wohl in vielen Gemeinschaftsküchen von frauenlosen Jungköchen überall in der Welt ein durchaus bemerkenswerter Randaspekt. Im Waschkeller hat sich die Ansammlung der gemeinschaftlich genutzten Maschinen gelichtet.

In wenigen Wochen sind die verbliebenen hier offensichtlich unter Hochlast gelaufen – mit den entsprechenden Spuren. Die Flure der oberen Stockwerke sind für Weise dann lockeres Auslaufen auf seiner Runde – mit den üblichen Zwischenstopps an den Lichtschaltern. „Ich hatte meine Meinungen, bevor ich hier anfing“, räumt er ein. Inzwischen aber habe er seine Arbeit und vor allem die Menschen schätzen gelernt. „Die meisten sind gute Leute und verdienen es, dass sie eine faire Chance bekommen“.

Quelle: wa.de

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