Übergangs-Bleibe für beschlagnahmte Tiere

Artenschutzzentrum in Metelen ist Notunterkunft für Exoten

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Auge in Auge mit einem Bewohner des Artenschutzzentrums: Tierpfleger Stefan Beike mit einem Graupapagei.

Metelen - Wenn Behörden Tiere in NRW beschlagnahmen, landen sie oft im Artenschutzzentrum in Metelen. Ein Besuch im Asylheim für Exoten in Not.

Eigentlich soll Stefan Beike keines der Tiere ins Herz schließen. Und will es auch nicht. „Man darf das Ganze nicht zu sehr vermenschlichen, das ist ja kein Dauerbestand“, sagt der Tierpflegermeister. Und doch hat er ein Lieblingstier. Eine Gelbnackenamazone. 

Aber die Liebe wird nicht erwidert. „Das beruht nicht auf Gegenseitigkeit“, erzählt Beike lächelnd und fügt mit einem Anflug von Eifersucht hinzu: „Sie mag meinen Kollegen lieber. Die beiden unterhalten sich sogar.“ 

Diesmal allerdings hat der Papagei, der auf einer Stange direkt unter einem hellroten Ara sitzt, ein Einsehen – und wirft Beike sogar ab und an ein Wörtchen zu. 

Der Tierpfleger steht in einem von mehreren Zimmern eines Warmtierhauses im Artenschutzzentrum in Metelen, zu dem der Weg aus dem Verwaltungstrakt über einen Trampelpfad in dicht bewachsenem Gelände führt. Die Gelbnackenamazone gehört zu den vielen sehr unterschiedlichen Tieren, die in der Landeseinrichtung nordwestlich von Münster untergebracht sind. Im Idealfall vorübergehend.

Es ist in gewisser Weise eine Asylunterkunft. Denn das Zentrum ist eine Auffangstation für von nordrhein-westfälischen Arten- und Tierschutzbehörden beschlagnahmte, überwiegend exotische Tiere. Allein etwa 150 Reptilien „wohnen“ momentan in der Einrichtung. Im Schnitt 170 Tiere beherbergt die Anlage pro Jahr, mit 400 „Pensionsgästen“ war sie auch schon mal an ihren Kapazitätsgrenzen. 

"Köpi" - Königspython, kein Bier

Die verschiedensten Reptilien, Amphibien und Vogelarten kommen unter. Wenn Beike beispielsweise von „Köpi“ spricht, greift er nicht beherzt zum Bierglas – sondern zur Königspython. Angst? Nein. „Ich habe mit Elefanten und Nashörnern angefangen. Dann ist alles andere ja nur noch kleiner“, sagt Beike. 

Der Grund für den Gang nach Metelen ist fast immer ein anderer, schön ist er allerdings nie. Denn er ist verbunden mit einer tierischen Leidensgeschichte. Angefangen bei den Lebewesen, die aufgrund der EU-Artenschutzverordnung beziehungsweise des Washingtoner Artenschutzabkommens gar nicht erst kommerziell gehandelt werden dürfen und deshalb in der Station landen.

Doch da sind auch die Schildkröten, die als Hundespielzeug dienten und voller Bissabdrücke sind. Oder die nach einer Tierbörse ausgesetzt wurden. Ein Grüner Leguan, der vor einem Tiergeschäft aufgefunden wurde. Vögel, die wie die Gelbnackenamazone in einer „Pseudo-Auffangstation“ (Beike) ein trauriges Dasein fristeten. 

Wenn Beike und seine Kollegen „ausrücken“, wenn sie auch schon mal in Vollschutz in eine Voliere mit mehr als 100 vor sich hin vegetierenden und einigen bereits toten Papageien müssen, treffen sie oft auf das, was er den „Bodensatz der Tierhaltung“ nennt. 

Gerufen werden sie von Behörden der Kreise, die wiederum oft durch Hinweise von Nachbarn aufmerksam werden. Selten meldet sich der Zoll wegen geschmuggelter Tiere wie den 50 kleinen Kaimanen in einer Mini-Holzkiste, die als skurriles „Andenken“ an einer Wand im Warmtierhaus hängt. 

"Klischees gibt es in der Realität"

Beike kennt die Schicksale einzelner Vogelspinnen, Schlangen, Skorpione oder Vögel zuhauf, etwa 70 Prozent aller Beschlagnahmungen geschehen aus tierschutzrechtlichen Gründen, sprich: Quälerei, schlechte Haltung und dergleichen. Er weiß, dass manchmal plötzliche soziale Not, fehlendes Geld oder mangelnder Platz Züchter und ihre Schützlinge in die Enge treiben. Doch nicht immer geraten Tierhalter unverschuldet in Zwickmühlen.

Eine sieben Meter lange Tigerpython in der Wohnung eines Drogenabhängigen, die Schlange im umgebauten Wohnzimmerschrank – „diese Klischees gibt es in der Realität“, sagt er. Beike will nicht missverstanden werden, er weiß um die große Zahl „guter Halter“. Aber eben auch um die schwarzen Schafe. Die, die zum Beispiel widerrechtlich die verstärkt in Mode kommenden einheimischen Echsen aus der Natur entnehmen. Oder um den falschen Ehrgeiz von vermeintlichen Tierfreunden. 

„Kritisch wird es, wenn es zu einer Sammelleidenschaft kommt, wenn jemand etwas unheimlich Seltenes oder eine bestimmte Farbkombination haben will, nur um in der gefühlten Hierarchie der Terrarianer nach oben zu steigen“, sagt der Tierpfleger. 

"Terraristika" am Samstag wieder in Hamm

Er hat eine persönliche Meinung zu Tierbörsen wie der am Samstag (3. Juni) wieder in Hamm stattfindenden „Terraristika“. Auch wenn diese selbst oft ohne eindeutige Verstöße gegen Tier- und Artenschutz über die Bühne gehen – in ihrem Umfeld kam es immer wieder zu Beschlagnahmungen seltener Reptilien oder Amphibien. 

Wie im Dezember, als das Zollfahndungsamt Essen in einem Hammer Hotelzimmer 130 seltene Amphibien und Reptilien beschlagnahmte, von denen übrigens keins in Metelen untergebracht wurde. „Wer ein exotisches Tier möchte, sollte zum Züchter gehen“, rät Beike. Zuvor allerdings sollten potenzielle Halter „alles lesen, was es zum Thema gibt und mit Leuten reden, die so ein Tier halten“, sagt der Pressesprecher des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv), Peter Schütz. Wer dennoch auf Börsen „einkaufe“, solle alles kritisch hinterfragen. „Denn da sind ja nicht nur Züchter, sondern auch Händler“, erklärt er. 

Landet ein Tier in Metelen, ist der Weg oft vorgezeichnet. Für die Dauer des Beschlagnahmeverfahrens – im Schnitt drei Monate – werden die Tiere artgerecht untergebracht. Mitunter allerdings ziehen sich die Aufenthalte in die Länge, weil die ursprünglichen Halter vor Gericht um ihre Tiere kämpfen. 

In einem Fall, in dem es um 50 Papageien ging, dauerte es bis zur Freigabe für die Vermittlung 15 Jahre. Um Schlangen, Papageien, Unken und Co. unterzubringen, sind Beike und Kollegen europaweit tätig, haben unter anderem bereits ein Ozelot nach Budapest vermittelt. In gute Hände, da sind sie sich sicher, auch wenn es die letzte Gewissheit nicht gibt. 

Doch viele Züchter sind seit Jahren bekannt, durch Mundpropaganda melden sich zudem neue Interessenten. „Und meist zeigt sich im persönlichen Gespräch sehr schnell, ob jemand geeignet ist“, sagt Beike, der auch Erkundigungen bei Behörden einholt. Aber nicht immer gelingt die Weitervermittlung. Wie bei dem flugunfähigen Graupapagei, der noch dazu keine Füße mehr hat. Er wird wohl den Rest seines Daseins in Metelen verbringen – wie alle „Bewohner“, die nicht vermittelt werden können. „Wir haben ja auch Tiere, die nicht so hübsch sind“, sagt Beike. „Das sind dann oft ,Ladenhüter‘.“

Quelle: wa.de

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