DORTMUND - Als Hüter der reinen Lehre ist Fazil Say wahrlich nicht bekannt. Er ist einer, der seinen eigenen Vorstellungen folgt. Im Konzerthaus Dortmund hat er jetzt ein Programm gespielt, das seine Stärken, aber auch seine Schwächen offenlegte.

Spielt mit Körpereinsatz: Fazil Say ▪
Von Edda Breski
Wollte man dem Abend, der einen Bogen durch Says Albumveröffentlichungen der vergangenen Jahre zog, ein Motto geben, so wäre man mit Gegensatzpaaren am besten bedient.
Sanglich, beinahe harmlos und ziemlich wolkig beginnt Janaceks Sonata „1. X. 1905“. Say tritt großzügig aufs Pedal. Mit dem zweiten Thema des ersten Satzes geht er konfrontativ um, er schichtet Akkorde. Der zweite Satz beginnt etwas spannender: Die Figuren schweben auf und landen abrupt wieder auf dem Boden der Tatsachen. Der Rhythmus verstolpert sich. Der Klang bleibt wattig. Ähnlich zwiespältig klingen Auszüge aus Bernd Alois Zimmermanns „Enchridion“: zwischen Akkordschlaggewitter und Nachlauschen.
Haydns Andante con variazioni ist auch so ein Lehrstück in Sachen Fazil Say: die beiden Themen in f-moll und F-Dur lernen das Springen. Ein aprilhaftes Stück.
Unter dem Motto „Wie der Swing auf den russischen Jahrmarkt kam“ lässt sich Says eigene Fassung für Klavier solo von Strawinskys Ballett „Petruschka“ hören. Say saust durch die drei Sätze, schichtet Akkorde, türmt sie zu dräuender Klangmacht. Er hat die Textur Strawinskys verdichtet, die Themen implodieren. Ein Wiegenlied schält sich kurz und harmlos heraus; ein toller Effekt. Darunter liegen die Rhythmen, erst eindeutig Strawinsky zuzuordnend, dann synkopiert, swingend, schillernd. Say als eigenwilliger Rhythmiker, als Rhapsodiker – da ist er ganz groß. Das Russische in der Musik löst sich auf, denn was Fazil Say macht, ist im Grunde seine eigene Weltmusik: voll Synkretismen, sprunghafter Rhythmik, Witz und Schwermut und fremder, reicher Texturen.
Quelle: wa.de


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