Julian Barnes schildert im Roman „Das Ende einer Geschichte“ die Beichte eines Mannes, der Schuld auf sich geladen hat und es erst spät, viel zu spät begreift.

Späte Anerkennung durch den Booker Preis: Autor Julian Barnes ▪
Von Ralf Stiftel
Dieser Tony Webster, der Ich-Erzähler, scheint mit sich im Reinen. Er hat sein Leben gelebt, ist Pensionär, war glücklich verheiratet bis zur Scheidung, hat eine nette Tochter, ist Großvater. Bis er eine Erbschaft macht von der Mutter seiner einstigen Jugendliebe: 500 Pfund, ein Brief und ein Tagebuch. Und dieser Nachlass reißt ihn zurück in seine Vergangenheit.
Julian Barnes, 1946 geboren und auch in Deutschland mit Romanen wie „Flauberts Papagei“ und „Darüber reden“ erfolgreich, legt in diesem schmalen Band wieder ein dicht komponiertes Meisterwerk vor. In England wurde das mit dem Booker Prize belohnt, der wichtigsten literarischen Auszeichnung des Landes, für die er bereits drei Mal nominiert war. Nun hat es geklappt.
In diesem Roman ist Barnes auf der Höhe seiner Kunst. Er beginnt mit einer Art Ouvertüre, einem Abschnitt aus Erinnerungen in Momentaufnahmen, die spätere Schlüsselereignisse vorwegnehmen, ob es nun die heiße Bratpfanne ist, die in ein Spülbecken geworfen wird, oder die Gezeitenwoge, die den Severn flussaufwärts läuft. Immer wieder denken die Figuren über Geschichte und Erinnerungen nach, über die Flüchtigkeit der Vergangenheit, über Verfälschungen und Irrtümer. Und es trifft Tony Webster hart, als er merkt, dass er sich sein Leben in der Rückschau schöngelogen hat. „... je länger das Leben andauert, desto weniger Menschen gibt es, die unsere Darstellung infrage stellen, uns daran erinnern können, dass unser Leben nicht unser Leben ist, sondern nur die Geschichte, die wir über unser Leben erzählt haben.“ In der ersten Version, in der er von seiner Trennung von Veronica berichtet, beschwichtigt er sich, dass niemand sich schuldig fühlen müsse: „Niemand war schwanger geworden, niemand war getötet worden.“ Beides erweist sich am wirklichen Ende der Geschichte als Irrtum, und Tony hat mit seinem durchaus nicht unschuldigen Brief dazu beigetragen, dass eine Beziehung katastrophal ausging.
Die Erzählkunst von Barnes zeigt sich darin, wie er mit Leitmotiven spielt, wie er einzelne Wendungen und Sätze in neue Zusammenhänge stellt, wie kunstvoll er Dinge andeutet. Adrian philosophiert im Geschichtsunterricht: „Geschichte ist die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheit der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation treffen.“ Wie in einem Krimi sucht Tony die Fakten, die wirkliche Geschichte, und kommt so der eigenen Schuld auf die Spur.
Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte. Deutsch von Gertraude Krueger. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 182 S., 18,99 Euro
Quelle: wa.de


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