021.06.10|Soest|Soest|
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SOEST ▪ Wie fühlt sich eigentlich ein Politiker, wenn er vor vollem Plenarsaal eine Rede halten muss? Und diese wird nicht immer nur mit Applaus bedacht. Seitens der Opposition werden manchmal sogar Buh-Rufe laut. Die Soester Abiturientin Doris Schächter durfte jetzt diese einprägsame Erfahrung machen. Beim Planspiel „Jugend und Parlament“ sprach die 19-Jährige vor über 300 Zuhörer im Berliner Bundestag. Kristina Hochwald erzählte die Soesterin von dem Planspiel, Lampenfieber und von politischen Begegnungen.

© Dahm
Doris Schächter. ▪
Wie kam es zu Deiner Teilnahme an dem Planspiel?
Doris Schächter:Der Bundestagsabgeordnete Bernhard Schulte-Drüggelte hat mich eingeladen. Ich habe vorher schon einmal ein Praktikum im Landtag gemacht. Als ich den Anruf bekam, ob ich gerne beim Planspiel in Berlin mitmachen würde, habe ich sofort zugesagt. Jeder Bundestagsabgeordnete darf einen Platz für das Planspiel vergeben. Entweder suchen sie sich jemanden aus oder schreiben den Platz aus. Ich wurde eingeladen und musste mich nicht erst bewerben.
Wie lief das Planspiel in Berlin ab?
Doris: Das Spiel ging über vier Tage. Zu Beginn bekamen wir unsere Spielidentität. Das heißt, wir bekamen andere Namen und Hintergründe. Ich hieß Helena Frei, war nicht mehr 19, sondern 58 Jahre alt und hatte auch Kinder. Mein Spielcharakter vertrat entgegen meiner wirklichen politischen Einstellung die so genannte LRP, die Liberale Reform Partei. Jeder sollte spielen und nicht seine echten Überzeugungen vertreten.
Wie kam es dazu, dass Du im Bundestag eine Rede halten durftest?
Doris: Im Rahmen des Spiels gab es zwei Gesetze, über die abgestimmt werden sollte. Die Fraktionen mussten darüber beraten und sich mit den anderen Parteien abstimmen. Jede Fraktion bestimmte einen Sprecher, der die Interessen vor dem Plenum vertreten sollte. Die anderen wählten mich als ihre Sprecherin.
Warst Du vorher sehr aufgeregt?
Doris: Oh ja, das war ich. Ich habe in der Nacht vorher nur zwei oder drei Stunden geschlafen. Das lag aber vor allem daran, dass wir erst abends um 20 Uhr die Redner bestimmt hatten. Ich musste dann die komplette Rede noch alleine schreiben und alles vorbereiten. Das war schon stressig. Bei der Rede selber saßen rund 300 Leute im Saal. Das waren auch alles Schüler und Studenten im Alter von 16 bis 21 Jahren. Aber geleitet wurde die Plenarsitzung vom Bundestagspräsidenten Norbert Lammert.
Was war es für ein Gefühl, vor so viele Leuten zu reden?
Doris:Ich habe ganz viele Sachen gar nicht mitbekommen. Mir wurde zum Beispiel später gesagt, dass unten auf dem Rednerpult eine Uhr ist, die rückwärts läuft und zeigt, wie viel Zeit der Redner noch zum Sprechen hat. Die habe ich gar nicht wahr genommen. Wahrscheinlich weil ich so aufgeregt war. 300 Leute gucken einen an und warten auf das, was man sagt. Und es ist nicht so, dass man bei allem, was man sagt, Applaus bekommt. Die Opposition war ja auch da. Es kamen dann Zwischenrufe oder auch mal ein Buh-Ruf. Es war aber trotzdem ein tolles Gefühl.
Worüber hast Du denn gesprochen?
Doris: Unser Thema war „Einheit vollenden“. Es ging um die deutsche Einheit, um die Anpassung der Beamtengehälter in Ost und West und um Arbeitslosigkeit.
Die Rede war ein Highlight, was hast Du sonst besonders in Erinnerung behalten?
Doris: Ich habe ganz viele Abgeordnete und Minister gesehen. Weil zu der Zeit des Spiels gerade über das Sparpaket beraten wurde, habe ich, abgesehen von Angela Merkel, jeden Minister zu Gesicht bekommen. Es war schon aufregend. Alles was Rang und Namen hat, lief da ganz normal über den Flur. Am letzten Tag fand zudem eine Podiumsdiskussion statt. Die war auch total spannend.
Strebst Du jetzt eine politische Karriere an?
Doris: Ich weiß nicht, ob man die einfach so anstreben kann. Wenn ich die Möglichkeit bekäme, würde ich sie auf jeden Fall nutzen. Es ist aber nicht mein Lebensziel darauf hinzuarbeiten, irgendwann einmal im Bundestag zu sitzen.

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