Mehr Krankschreibungen wegen psychischer Belastung

Wolfgang Rellecke (l.) und Dr. Josef Leßmann.

WARSTEIN ▪ Von 1 000 berufstätigen Warsteinern waren im vergangenen Jahr täglich 35 krank geschrieben. Dieser Satz von 3,5 Prozent gilt genauso für den Kreis Soest und das Land Nordrhein-Westfalen.

Diesen Krankenstand hat die Deutsche Angestellten Krankenkasse errechnet, die im Kreis Soest und im Hochstift Paderborn etwa 60 000 Mitglieder hat. Das Ergebnis der Erhebung ist aber repräsentativ für alle Krankenkassen, sagte Wolfgang Rellecke, Leiter des DAK-Servicecenters Soest.

Er hatte die gesamte Ausarbeitung mit nach Warstein gebracht, wo er die tiefergehende Analyse dem ärztlichen Direktor der LWL-Kliniken Dr. Josef Leßmann überließ. Was kein Zufall war, denn eine stark zunehmende Tendenz zeigen psychische Erkrankungen als Grund für Krankschreibungen mit 12,7 Prozent. Davor stehen noch Erkrankungen am Muskel-Skelett-System (23,5 %) und am Atmungssystem (15,5 %), wobei Dr. Leßmann allerdings anmerkte, dass ein Teil der am Muskel-Skelett-System Erkrankten auch noch dem psychischen Bereich zugeordnet werden müssten: „Gerade Rückenleiden sind häufig darauf zurückzuführen. Die Betroffenen bräuchten eine psychiatrische Therapie anstatt Massagen oder sogar eine Operation“, teilte er mit. „Rücken“ ist also tatsächlich „Kopfsache“.

Den Anstieg psychischer Erkrankungen machte er gleich an vielen Punkten fest, und im Kern hat er gesellschaftliche Gründe, genauso wie in der Persönlichkeitsstruktur vieler Betroffener liegenden Ursachen. „Jüngere Menschen sind oft nicht mehr so stressresistent wie ältere. Ihnen fehlen Anhaltspunkte, nach denen sie sich richten. Sie lassen sich ablenken, haben Zukunftsängste, und leiden unter instabilen Arbeitsbedingungen. Das hat mit der Bindung an den Betrieb zu tun, was immer mehr nachlässt, oder auch mit Konkurrenzkampf unter Kollegen“. Er macht dafür auch Leiharbeit und unbefristete Verträge mitverantwortlich, die keine längerfristige Planung zulassen. Es sind auch Ergebnisse einer an den LWL-Kliniken eingerichteten Gruppe „Arbeitstherapie“, in der zum Vorschein kommt, dass auch die Anerkennung (Gratifikation) am Arbeitsplatz fehlt. Was nicht vorrangig finanzielle Gründe hat, so Dr. Leßmann.

Auch Herzerkrankungen, die eine zunehmende Tendenz als Ursache für Krankschreibungen haben, können durch psychische Belastungen ausgelöst werden. Die haben nicht alle den Ursprung in den Arbeitsbedingungen, aber die kommen zu weiteren Faktoren hinzu wie den Fragen nach der Absicherung der Zukunft oder Sorgen im familiären Bereich.

Dr. Leßmann machte sich nicht zum Fürsprecher der DAK, deren wissenschaftlichen Gesundheitsreport er ausdrücklich lobte, als er für präventive Maßnahmen jedes Einzelnen warb: „Jeder kann für sich selbst etwas tun - man muss es nur wollen. Die Haltung: Erhaltet mir mein gemütliches Elend lasse ich nicht gelten. Stress ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Man muss nur lernen, damit umzugehen“. Eine Methode, die Gesundheit zu erhalten, ist für ihn auf jeden Fall die sportliche Aktivität.

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