Umfrage zu Fahrradstreifen

Bezirksregierung will die Fahrradspuren in Soest abschaffen

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Für die Fahrradstreifen wurde die Stadt Soest schon einmal ausgezeichnet. Das schöne Projekt könnte bald Geschichte sein.

Soest - Soest hat so manches Alleinstellungsmerkmal: Den Patroklidom, die größte Altstadt-Kirmes der Welt, die Extra-Spur für Fahrradfahrer mitten auf der Jakobi- und Nöttenstraße. An Dom und Kirmes traut sich nicht einmal der Verkehrsminister Michael Groschek. Die Schutzstreifen für Radler aber will er den Soestern nehmen.

Im Rathaus, so bestätigt Verkehrsplaner Axel Beyer auf Anzeiger-Anfrage, liegt ein Brief der Bezirksregierung vor. Sie fordert die Stadtverwaltung auf, nicht nur alle Extra-Velo-Spuren in Tempo-30-Zonen nach Arnsberg zu melden. Vielmehr sollen die Soester auch gleich ein Datum hinzufügen, wann sie den Schutzstreifen „demarkieren“, also ausradieren. Doch so schnell wollen Beyer und seine Kollegen nicht klein beigeben. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie entstand die Radspur mitten auf der Jakobistraße?

Anlieger beklagen nach dem Ausbau der Straße immer wieder, wie eng die Fahrspur ist und wie sehr sie von rabiaten Autofahrern beim Überholen abgedrängt werden. Im August 2008 kommt ein 27-jähriger Radfahrer fast ums Leben, als er deswegen weit rechts fährt und plötzlich eine 60-jährige Autofahrerin, die gerade vor ihm eingeparkt hat, die Tür aufreißt. Der Radler schlägt mit dem Kopf auf die Straße, trägt schwerste Verletzungen davon und liegt wochenlang im Koma.

Wann wurde die Spur auf die Straße gemalt?

Bereits 2003 und 2005 hat die Bauverwaltung die Idee mit den Radspuren mitten auf der Straße vorgetragen. Doch erst im September 2008 – einen Monat nach dem schweren Unfall – werden Nägel mit Köpfen gemacht. Weil sich die Polizei nicht mit den Autofahrern anlegen will, die langsam hinter den Radfahrern herzockeln müssten, erklärt sie die Sache zu einem „Politikum“. Die Stadträte indes haben den Mut und stimmen dem Vorhaben zu. Im Oktober wird die Radspur aufgetragen. Schlagzeile im Anzeiger: „An den Radfahrern kommt keiner mehr vorbei!“

Welche Reaktionen gab es?

Die meisten Soester begrüßen die Aktion, einige wenige maulen. Gelegentlich verliert schon mal ein ungeduldiger Autofahrer die Nerven und prescht auf dem Gehweg an dem zweirädrigen „Hindernis“ vorbei. Andere Städte werden auf das Soester Experiment aufmerksam und wollen es kopieren; doch nur die wenigsten wagen es. Lohn des Soester Muts: Im Mai 2013 erhält die Stadt den Deutschen Fahrradpreis. Kurz darauf wird auch die Nöttenstraße mit einer Mittelspur für Räder markiert.

Wir waren bei den Markierungsarbeiten 2008 dabei

Wie kommt der Verkehrsminister auf die Idee, die Spuren zu verbieten?

Das Ministerium in Düsseldorf betrachtet die Sache recht formal. Erstens gelte in Deutschland das Rechtsfahrgebot. Zweitens sollen in Tempo-30-Zonen alle Verkehrsteilnehmer so „fahren, dass sie sich nicht gegenseitig gefährden“. Extra Schutzstreifen für Radler wären somit überflüssig. Deshalb verstoße Soest gegen die Straßenverkehrsordnung, wenn es trotzdem solche Spuren aufmale.

Wieso hat die Jury, in der auch Vertreter des Verkehrsministeriums sitzen, Soest überhaupt den Fahrradpreis für die Extra-Spur verliehen?

Die Vertreter von Bund und Land seien damals überstimmt worden, heißt es aus dem Ministerium. Künftig müsse eine Geschäftsordnung für die Jury her, damit sie nicht noch einmal Projekte prämiert werden, die gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen, und es nicht noch einmal zu einer „fehlerhaften Preisvergabe“ komme.

Wie geht es jetzt weiter? Wird die Stadt Mittelspur übertünchen?

Die Idee: Der Radler kann in Ruhe auf der Straße fahren und muss nicht befürchten, dass er von einem Auto überholt wird.

„Wir haben inzwischen das Schreiben der Bezirksregierung beantwortet“, sagt Verkehrsplaner Axel Beyer, „und unser Unverständnis zum Ausdruck gebracht.“ In Soest und darüber hinaus aus vielen anderen Städten und sogar aus dem Ausland habe es durchweg positive Reaktionen auf die Schutzstreifen für Radfahrer gegeben. Es käme einem Schildbürgerstreich gleich, Soest den Fahrradpreis zu verleihen und jetzt mit dem Preisgeld von 5000 Euro die Spuren zu beseitigen. NRW, so Beyer, etikettiere sich gern als radfahrerfreundliche Region. Der Gesetzgeber sollte deshalb für die nötige Klarstellung sorgen. Sofern er Argumente benötige, warum die Paragrafen für eine Tempo-30-Zone nicht automatisch zu der gewünschten Sicherheit führen, „helfen wir gern mit unseren Erfahrungen aus“.

Mit einer Antwort auf ihr Schreiben rechnet die Stadt nicht vor Ende April.

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