Heuschnupfen: Birken lassen Allergiker leiden

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Wenn sich die Birken-Kätzchen öffnen und ihre Pollen fliegen lassen, beginnt für viele Allergiker eine Leidenszeit.

München - Sonnig, warm und trocken: Was für die einen ein Traumstart in den Frühling war, ist für Heuschnupfen-Geplagte ein Alptraum. Denn auch Bäume haben das schöne Wetter der vergangenen Wochen genutzt – um große Mengen Blütenstaub freizusetzen.

Endlich wieder in der Sonne liegen, seinen Kaffee im Freien schlürfen, einen Ausflug in die Berge machen: Die meisten Bayern haben die fast schon sommerlichen Frühlingstage in vollen Zügen genossen. Andere konnten ihnen da nur neidisch zuschauen – mit Tränen in den roten Augen und laufender Nase, die auch noch quälend juckt.

Für viele Pollenallergiker ist der Frühling eine Leidenszeit. Denn dann schleudern erst Haseln und Erlen und später auch Birken ihren Blütenstaub in die Luft. Ist es warm, trocken und windig, setzen sie besonders viel davon frei. So wie in den vergangenen zwei Wochen.

Besonders viele Allergiker reagieren dabei auf Birkenpollen. Die fliegen heuer bereits ein wenig früher als in den vergangenen Jahren. Schon am 4. April hat die Saison diesmal begonnen. Trotz des heftigen Auftakts rechnen Experten aber mit einem eher durchschnittlichen Jahr. „Ich habe mir etwa 50 Bäume in München angeschaut“, sagt Prof. Jeroen Buters vom Zentrum für Allergie und Umwelt (ZAUM), einer gemeinsamen Einrichtung des Helmholtz-Zentrums München und der Technischen Universität München. „Viele hatten nur wenige Kätzchen.“ Doch sei das nur ein Hinweis. Für eine verlässliche Prognose müsste man viel mehr Bäume prüfen, räumt Buters ein.

Wie viele Pollen fliegen werden, lässt sich nur schwer vorhersagen: Zwar deutet bei den Birken vieles auf einen Zwei-Jahres-Rhythmus hin. Auf ein Jahr mit vielen Pollen folgt demnach eines mit etwas weniger. „Aber oft wird doch wieder alles anders“, sagt Buters. „Man kann auch voll danebenliegen.“

Zudem entscheidet nicht allein die Menge des Blütenstaubs über die Stärke der Beschwerden. Denn die Betroffenen reagieren nicht auf das ganze Pollenkorn, sondern nur auf wenige Eiweiße, die darin stecken. Allergene nennt man diese allergieauslösenden Stoffe. Wie viel davon man im Schnitt in den Pollenkörnern findet, ist jedes Jahr verschieden. Und mehr Allergene bedeuten stärkere Beschwerden – das liegt zumindest nahe.

Genauer untersucht man das derzeit mit einer europaweiten Studie, die am Münchner ZAUM koordiniert wird. Die Teilnehmer führen mehrere Wochen lang ein Pollentagebuch. Täglich tragen sie dazu ihre Beschwerden in einen Fragebogen im Internet ein (www.hialine.eu). Diese Daten werden später mit der Allergenbelastung an den jeweiligen Tagen verglichen.

Doch nicht nur die Zahl der Allergene entscheidet, ob die Pollen besonders aggressiv sind oder eher harmlos. Auch die Luftverschmutzung hat darauf einen Einfluss. Sie setzt den Bäumen mächtig zu. Um sich zu schützen, bilden diese sogenannte Stressproteine. Zu diesen gehört auch Bet v 1, das allergieauslösende Eiweiß in den Birkenpollen. Vieles deutet darauf hin, dass Birken auf dem Land im Schnitt weniger davon bilden als Stadtbirken. Hinzu kommt, dass Blütenstaub Schadstoffe aus der Luft schier aufsaugt. Feinste Partikel binden sich an die viel größeren Pollenkörner. Diese setzen größere Mengen an Allergenen frei – der Blütenstaub wird aggressiver.

Tatsächlich leben in der Stadt mehr Allergiker als auf dem Land. Ob das allerdings wirklich an den aggressiveren Pollen liegt oder eher am Lebensstil der Städter, ist unklar. Bekannt ist allerdings, dass bestimmte Stoffe im Staub von Kuhställen offenbar vor Allergien schützen können. Ab und zu mit den Kindern im Stall des Nachbarn vorbeizuschauen, reicht zur Vorbeugung aber nicht aus. „Dazu müsste man quasi schon gleich nach der Geburt das Kind im Maxi-Cosi unter die Kuh stellen“, sagt Buters und lacht. Forscher arbeiten darum daran, die schützenden Stoffe aus dem Kuhstall zu isolieren und daraus ein Medikament zu entwickeln.

Für Heuschnupfen-Patienten kommt dieser Schutz jedoch zu spät. Doch lassen sich die Beschwerden lindern – zum Beispiel mit Kortison und sogenannten Antihistaminika. Diese Stoffe, die es in Nasensprays oder Tabletten gibt, besänftigen das hyperaktive Immunsystem. Denn bei Allergikern verwechselt das Abwehrsystem harmlose Eiweiße mit gefährlichen Krankheitserregern – und bekämpft sie. Gelangen Pollenkörner zum Beispiel auf die Schleimhäute von Nase und Augen, schickt die Abwehr sogenannte Mastzellen ins Gefecht. Diese setzen Histamine frei, die Augen zum Jucken bringen und die Nasenschleimhaut anschwellen lassen. Antihistaminika wirken diesen Stoffen entgegen – und lindern so die Beschwerden.

Heilen lässt sich die Allergie dadurch aber nicht. Wer seinen Heuschnupfen dauerhaft loswerden möchte, sollte es daher mit einer Hyposensibilisierung probieren. Dabei versucht man das Immunsystem langsam an den allergieauslösenden Stoff zu gewöhnen. Die Abwehr soll lernen: Blütenstaub ist harmlos, eine Reaktion darum unnötig. Allergiker bekommen dazu über längere Zeit eine geringe Menge des Allergens gespritzt oder nehmen es als Tablette ein. Nachteil des Verfahrens: Die Therapie ist langwierig, und sie hilft nicht allen.

Mitten in der Pollensaison kann man sich damit ohnehin nicht behandeln lassen. Doch gibt es zusätzlich zu den Medikamenten viele Maßnahmen, mit denen Betroffene ihre Qualen zumindest ein wenig lindern können (siehe Kasten). Dazu dient auch die Vorhersage des Pollenflugs, die der Deutsche Wetterdienst zusammen mit dem Polleninformationsdienst anbietet. So kann man zum Beispiel den Termin für die Gartenparty nach dem vorhergesagten Pollenflug richten.

In ganz Deutschland habe man dazu Pollenfallen aufgestellt, erklärt Gerhard Lux, Meteorologe und Sprecher beim Deutschen Wetterdienst (DWD). Sie fangen den Blütenstaub in der Luft mit einer gelartigen Schicht ein. Wie viele und welche Pollen sich darin abgesetzt haben, werde regelmäßig unter dem Mikroskop ausgewertet. Zusammen mit der Wettervorhersage erstellt man beim Deutschen Wetterdienstes Karten des Pollenfluges für verschiedene Baumarten. Allergiker können die Daten im Internet unter www.dwd.de/pollenflug abrufen.

Nach den warmen und trockenen Tagen haben Heuschnupfengeplagte jetzt eine kleine Verschnaufpause. „Allergiker wissen es zu schätzen, wenn es mal wieder regnet“, sagt Lux. „Dann wird die Luft von Pollen gereinigt.“ Allerdings brauche es schon einen kräftigen Schauer oder länger anhaltenden Regen, um die Pollen wegzuspülen. Doch währt die Freude der Allergiker wohl nur kurz. Schon am Wochenende soll es wieder wärmer werden – und dann werden neue Pollen durch die Luft wirbeln.

Tipps bei Heuschnupfen

Wer auf Kiwis allergisch reagiert, isst eben einen Apfel. Blütenpollen kann man dagegen nur schwer ausweichen. Doch gibt es Maßnahmen, mit denen sich Allergiker wenigstens einen Teil davon vom Leib halten können.

- Um wenigstens in der Nacht Ruhe zu haben, sollten Allergiker ihre Tageskleidung nicht im Schlafzimmer, sondern zum Beispiel schon im Bad ablegen.

- Nicht nur in der Kleidung, auch in den Haaren sammeln sich tagsüber Pollen an. Während der Saison sollten Allergiker darum vor dem Zubettgehen unbedingt die Haare waschen.

- Wer in der Stadt wohnt, sollte nicht bei offenem Fenster schlafen. Denn auch in der Nacht fliegen Pollen. Lüften sollte man am besten in den frühen Morgenstunden. Dann ist die Belastung mit Blütenstaub am geringsten. Auf dem Land lüftet man dagegen besser am späten Abend. Bei Regen ist es egal, zu welcher Tageszeit man das Fenster aufmacht.

Von Andrea Eppner

Merkur-Sprechstunde

Mehr zum Thema Allergien erfahren Sie bei der Merkur-Sprechstunde am Mittwoch, 11. Mai, um 18 Uhr im Münchner Pressehaus. Dort informieren Experten über Ursachen und Therapien. Genaueres zu Programm und Anmeldung finden Sie in Kürze in dieser Zeitung.

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