Die Wiener Philharmoniker mit Bruckners Neunter im Konzerthaus Dortmund

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Yannick Nézet-Séguin dirigierte die Wiener Philharmoniker im Konzerthaus Dortmund.

Von Edda Breski

DORTMUND - Yannick Nézet-Séguin feiert einen langen Abschluss seiner Residenz am Konzerthaus Dortmund. Seinem Publikum macht er fürstliche Geschenke. Noch zweimal kommt er wieder, doch sein Konzert mit den Wiener Philharmonikern am Freitag war bereits ein großer Abschied; er müsste einiges tun, um ihn zu übertreffen.

Seine „Bruckner-Experience“, eine sinfonische Reihe mit vier verschiedenen Orchestern – vor den Wienern kam im Februar das Rotterdam Philharmonic – mündete in die Neunte, hier ohne rekonstruierten vierten Satz oder andere Zusätze. Dafür kam Anton Weberns erstes Opus, die zehnminütige Passacaglia, als Ohrenöffner vorweg.

Das insgesamt dritte Gastspiel der Wiener Philharmoniker in Dortmund begann also mit einer Strukturerforschung. Das Thema, ein Geigenpizzicato, wurde wie ein transparentes Fremdwesen in die Welt entlassen und auf Erkundung geschickt. Die Variationen öffneten einen zerbrechlichen Klangraum, in dem die Luft etwas anders zusammengesetzt schien als in realen Gefilden. Die Variationen passierten und betasteten einander wie Tiefseefische.

Diese Fremdheit wurde stofflicher, greifbarer, als die Wiener Philharmoniker, dieses musikalische Superinstrument, ihre akustischen Superschmankerl ausspielten: die Bratschen wie dunkle Seide, der zerbrechliche Aufwärtsschwung der Streicher, getränkt von Fin-de-siècle-Melancholie. Das Finale war mit vielleicht etwas viel nostalgischem Samt gefüttert. Diese Passacaglia war wie ein Telegramm aus dem letzten Jahrhundert.

Dagegen holte Nézet-Séguin Bruckners großen sinfonischen Abschied auf eine unmittelbare Weise in die Gegenwart: Bruckners Lebensabschluss, seine letzte große Reflexion im Angesicht seiner eigenen Sterblichkeit, behandelt Nézet-Séguin als Bekenntnismusik.

Das Dortmunder Publikum hat in den vergangenen drei Jahren Gelegenheit gehabt, sich davon zu überzeugen, dass Nézet-Séguin einen persönlichen, innigen. nicht aber weihrauchumwölkten Bruckner dirigiert. Sein Bruckner ist immer sinnlich. Die großen Klangarchitekturen legt er in ihrer harmonischen Vielfalt dar, die Spannung hält er mit langen, langem Atem. Der fabelhafte goldene, differenzierte und fein verblendete Klang der Wiener ist dafür genau richtig. Es muss allerdings vermerkt werden, dass Nézet-Séguin den luxuriösen Klang zwischendurch einfach mal genoss, als säße er in feinen Ledersitzen und koste das Schnurren eines exquisiten Achtzylindermotors aus.

Der erste Satz schlug trotzdem aus in eine veritable Höllenmusik, mit unerbittlich glockenhaften Schlägen und streng flimmernden Streichern. Allerdings gehörte dieses Szenario zu einem Tableau, einer breit angelegten Innenschau. Die Streicherfigur nach dem Eingangsthema wurde aufgenommen wie ein Gespräch, das schon lange geführt und nur fortgesetzt wird. Das Zitat aus Bruckners Siebter in den Celli setzte die Selbstbefragung logisch fort.

Das Scherzo war energisch gebündelt, kraftstrotzend, ohne das Maß zu verlieren. Nézet-Séguin ließ der gepflegten Präzision der Wiener ihren Lauf, verlangte nur gelegentlich etwas mehr Vehemenz in den Einsätzen.

Das Adagio schwebte zwischen zwei Polen: der eine markiert durch das mit absoluter Hingabe ausgeführte Aufsteigen des ersten Themas, der zweite markiert durch den dunklen Grund der Bläser, die an die Fragen des ersten Satzes erinnern. Nach dem zweiten Crescendo flackerten die Violinen wie unter einer ungeheuren Last, bevor sie das Thema zum nächsten Gipfel trugen. Die subtilen Umfärbungen in jeder Wiederholung öffneten das Ohr für die Entwicklung der Bruckner’schen Selbstbefragung belegten die Ausnahmeklasse der Musiker, so wie das feine Erschauern, das immer wieder erschien, die subtile Klasse dieser Interpretation zeigte.

Bruckners harmonische Reibelaute wurden als organischer Teil der Musiksprache gedacht. Die Spannung lag in den großen Steigerungen, und dem Schweigen danach. Nézet-Séguins Bruckner: eine Musik des Moments, ein Hinspüren an das Spirituelle, hier glückvoll verbunden mit der goldenen Wiener Bruckner-Tradition. Eine Zugabe gab es nicht, dafür einen selbst ganz ergriffenen Yannick Nézet-Séguin.

28.6., Nézet-Séguin mit den Berliner Philharmonikern, 9.7. mit dem BR-Symphonieorchester, Tel. 0231/22 696 200,

www.konzerthaus-dortmund.de.

Quelle: wa.de

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