Die Skulpturmaschinen von Jean Tinguely in Düsseldorf

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Ein Rummelplatz der Kunst: Jean Tinguelys „Meta-Maxi-Maxi-Utopia“- Maschine von 1987 ist in Düsseldorf zu sehen.

DÜSSELDORF - Ein bisschen steht man vor Jean Tinguelys „Großer Méta-Maxi-Maxi-Utopia“ wie vor einer Rummelplatzbude. An Schauwerten ist die fast 17 Meter lange, acht Meter hohe Installation kaum zu übertreffen. Da springt hinter dem wehenden roten Vorhang ein halbiertes Karussellpferd. Da wird ein fast menschengroßer Gartenzwerg kopfüber in einen Wassereimer getaucht. Da drehen sich ganz große Räder, quietschen Treibriemen und rasseln rostige Ketten. Denn diese gewaltige Maschine erwacht auf Knopfdruck zu einem ohrenbetäubenden und völlig sinnfreien Leben.

Was aber das schönste ist: Der Besucher im Düsseldorfer Museum Kunstpalast darf den Apparat besteigen, darauf herumklettern und immer neue Einzelheiten entdecken wie den rosaroten Plastikspringbrunnen oder das Pissoir, das an Marcel Duchamp erinnert. Mehr Maxi geht nicht.

Schon der Aufbau dieser monströsen, 1987 entworfenen Maschine war ein Kraftakt für das Haus. 25 Jahre nach seinem Tod widmet das Haus dem Schweizer Künstler die umfassende Werkschau „Super Meta Maxi“. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Museum Tinguely in Basel als wichtigstem Leihgeber und dem dem Stedelijk Museum Amsterdam. Mit mehr als 90 zum Teil raumfüllenden Arbeiten wird das Schaffen Tinguelys von der Nachkriegszeit bis in sein Todesjahr 1991 nachgezeichnet.

Tinguely (1925-1991) hatte eine Ausbildung als Dekorateur absolviert und arbeitete als Schaufenster-Gestalter in Basel, während er erste Skulpturen schuf. Er hatte zunächst auch gemalt. Aber die ersten Arbeiten in der Düsseldorfer Ausstellung zeigen ihn bereits als gewitzten Plastiker, der sich mit Werken der klassischen Moderne auseinandersetzt. Er bringt die Abstraktionen von Miró, Kandinsky und Malewitsch zum Tanzen, indem er die Rechtecke, Mondbögen, Wolken der Gemälde zu Bestandteilen von Reliefs macht, die von Motoren bewegt werden. Das wirkt skurril, aber die feinen Drahtobjekte aus den frühen 1950er Jahren verströmen auch eine leise, unwiderstehliche Poesie.

Der Grundzug des Bastlers und Tüftlers bleibt in Tinguelys Werk erhalten. So folgen auf die von Alexander Calder und Marcel Duchamp inspirierten Mobiles immer neue Apparate, die den Betrachter zur Mitwirkung aufrufen. Das können „Mes étoiles – Concert pour sept peintures“ (1957-59) sein, sieben Reliefs aus Fundstücken, die auf Knopfdruck scheppern und rasseln. Oder die Serie „Méta-Matic“, mit denen angeblich jeder abstrakte Bilder malen kann. Ein 1960 entstandenes Wandfoto in der Schau zeigt eine Frau im Kostüm, die auf einer „Méta-Matic“ sitzt und hemmungslos lacht. Das Gefühl hat sich bis heute erhalten: In Düsseldorf gehen die Menschen von Skulptur zu Skulptur, drücken Knöpfe und lassen es krachen, quietschen, scheppern. Tinguelys Kunst erzeugt gute Laune.

Dabei geht seine Lust an der Provokation nicht verloren. Die Malmaschinen forderten die seinerzeit vorherrschenden Vertreter der expressiven Abstraktion heraus. Die Maler des Informel sahen sich als Individualisten, die mit jedem Pinselstrich dem Genius folgten. Tinguely schuf solche Bilder mit seinen aus Schrott zusammengedengelten, immer etwas unfertig aussehenden Apparaten. Die auf Blechfässer montierten Skulpturen der „Baluba“-Serie (1961/62) waren eine Parteinahme für den Stamm der Baluba im Unabhängigkeitskampf im Kongo. In der gleichen Zeit entsteht das „Ballet des pauvres“, eine Installation aus Kleidungsstücken und Küchengeräten, die an Stricken hängen und von einem Motor bewegt werden. Die Armen zucken und zappeln zur Belustigung des bürgerlichen Kunstpublikums. Das darf man als Sozialkritik auffassen. Vieles kann eine Museumsschau nicht präsentieren, wie die karnevalsartigen Umzüge und die autodestruktiven Arbeiten wie die „Homage to New York“, bei der er 1960 eine Skulptur im Garten des Museum of Modern Art errichtete, die sich krachend und blitzend selbst vernichtete. Das wird durch Filme und Fotos repräsentiert.

Auch in anderer Hinsicht setzte sich Tinguely vom Verständnis der Künstlerrolle ab. Er arbeitete gern im Team. Man sieht in der Schau Gemeinschaftswerke, die er zum Beispiel mit seiner langjährigen Partnerin Niki de Saint Phalle schuf, wie die „Nana Machine“ (1976), wo er für eine Nana einen fragilen Sockel baute, der den massigen Frauenfetisch in Rotation bringt. Tinguely suchte den Austausch und plante Großprojekte, die längst nicht alle verwirklicht wurden. Aber in Düsseldorf sieht man die Entwürfe für „Hon – en katedral“, einen Erlebnisraum in einer Nana im Moderna Museet Stockholm (1966), den man durch die Vagina betrat. Auch das Modell für das nie verwirklichte „Gigantoleum“ (1968), das Rummelplatz und Kunst zu einer neuen Form verschmelzen sollte.

Aber Tinguelys so unperfekte Kunst taugt auch zur Auseinandersetzung mit ernsten Themen. Den letzten Raum der Schau füllt der „Mengele-Totentanz“ (1986), ein Ensemble von 13 Skulpturen, die im Halbdunkel zu knirschendem, zischendem Leben erwachen. Es sind Metallskelette, mechanische Ungeheuer, an denen Tierschädel und verbranntes Holz verbaut wurden. Tinguely barg diese Objekte von einem Bauernhof in seiner Nachbarschaft, der abgebrannt war. Mengele verweist natürlich auf den KZ-Arzt, aber Tinguely fand den Namen auf einer bei der Katastrophe zerstörten Maispressmaschine der Firma Mengele. Ein eindringlicher Abschluss für eine so heitere Erlebnisschau.

Bis 14.8., di – so 11 – 18, do bis 21 Uhr, Tel. 0211/ 566 42 160, www.smkp.de,

Katalog, Verlag Walther König, Köln, 34,80 Euro

Quelle: wa.de

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