Das Ruhr Museum Essen erkundet „Rock und Pop im Pott“

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Weltstars kamen gern ins Revier: Plakat von einem Auftritt der Rolling Stones in der Westfalenhalle 1967.

Essen - Am Anfang gibt’s auf die Ohren. Lauter Hits von hier, Herbert Grönemeyers „Bochum“ natürlich und Nenas „99 Luftballons“, aber auch Sashas Ballade „If You Believe“ und Geier Sturzflugs „Bruttosozialprodukt“, von den Kassierern den harten Fakt „Das Schlimmste ist wenn das Bier alle ist“ und sogar Scatman Johns „I’m a Scatman“. Alles entstanden im Ruhrgebiet. Und nun zu hören als viertelstündige Collage in einer Art Disco-Kino im Ruhr Museum zwischen Projektionen mit Musikbildern aus dem Revier. Nur so, sagt Hausherr Heinrich Theodor Grütter, kommt man richtig ins Thema.

Diese Ausstellung wird sicher ein Hit, schon die Eröffnung heute ist total überbucht. „Rock und Pop im Pott“ wendet sich an die „Best Ager“, die den Auftritt der Rolling Stones 1967 in der Westfalenhalle noch in bester Erinnerung haben, aber auch an Techno-Fans, die gerade erst bei der Mayday schwitzten. Eine Bestandsaufnahme der populären Musikszene der Region, die alles berücksichtigt außer Schlager und Jazz. Entsprechend opulent fiel sie aus mit 1500 Exponaten, die Hälfte davon allerdings Tonträger.

60 Jahre umspannt die Schau, nicht zufällig, denn 1956 begann alles mit den Dortmunder Jugendkrawallen nach einer Kinovorstellung mit dem Film „Außer Rand und Band“, zu dem Bill Haley And The Comets die Musik beisteuerten. Danach zogen 1000 oder 2000 Jugendliche durch die Stadt, zwei Schaufensterscheiben gingen zu Bruch, und man war empört über die Halbstarken. Die Protestkultur hatte damals noch geradezu kindliches Format.

Bis dahin gab es keine Jugendkultur wie heute. Rock ‘n’ Roll wurde im deutschen Radio nicht gespielt. Hören konnte man ihn allenfalls auf der Kirmes, denn für Schallplatten hatten die Jugendlichen kein Geld. Im Karussell aber gab’s Wunschkonzert.

Schnell aber entwickelte sich das Ruhrgebiet zu einem der wichtigsten Schauplätze für Beat, Rock und weitere Genres. Grütters erläutert, dass hier beste Voraussetzungen herrschten, zum Beispiel gab es mit der Grugahalle in Essen und der Westfalenhalle in Dortmund die modernsten Auftrittsmöglichkeiten. Wer im Rock Rang und Namen hat, war mindestens einmal an der Ruhr. So brachte in den 1960er Jahren die Zeitschrift „Bravo“ mit ihren Blitztourneen die Beatles und die Stones an die Ruhr. Frank Zappa spielte 1968 bei den Essener Songtagen, und das Programm des 1. Pop & Blues Festivals in Essen 1969 lässt den Rockfan staunen mit Auftritten von Pink Floyd, The Nice, Free, Fleetwood Mac und anderen.

Aber das Ruhrgebiet hat auch selbst Größen hervorgebracht. Herbert Grönemeyer natürlich, der es vom musikalischen Direktor am Schauspielhaus Bochum zum Weltstar brachte. Und wer, fragt Grütters, weiß schon, dass von Nena über Extrabreit bis zu den Humpe-Schwestern die halbe Neue Deutsche Welle in vier Wohngemeinschaften in Hagen begann?

Die Ausstellung bereitet ihr Thema weitgehend chronologisch auf, mit vielen Stationen, an denen man den Auftritt der German Blue Flames aus Gelsenkirchen, die nach eigener Einschätzung „bestangezogene Beatband Deutschlands“, im Freibad erlebt und den WDR-Bericht über das Gastspiel der Beatles, über die der Reporter noch recht altväterlich spricht als „die jungen Männer mit den Frauenfrisuren“. Die Instrumente sind ausgestellt, Gitarren, Schlagzeuge, eine Hammondorgel, aber auch die selbstgebastelten Kreationen von Charly Scharloh wie die „Drehinette“ und der schrottreif gespielte analoge Synthesizer der Essener Techno-Gruppe Tevo.

Die ganze Spannweite der Popkultur wurde erschlossen, mit T-Shirts und der Fanabfüllung „Extrabreit“ eines Whiskys. Die Entwicklung des Musikkonsums von der Vinylplatte über den Cassettenrecorder und Walkman bis zu Digitalgeräten ist zu verfolgen. Ein Kellerraum dient als Tanzfläche, und vor Kopf stehen in einer Vitrine Schuhe vom handbemalten Stiefel eines Punks über die schwarzen Schnallen-Pikes einer Gothic-Frau bis zu Plateausohlentretern. Und es gibt geradezu rührende Zeitzeugnisse wie das Band-Tagebuch der „Riverboys“, die Herrmann feuerten, weil er nicht zu den Proben kam und „beim Spielen mehr ,besoffen‘ wie nüchtern“ war.

Welch ein Kontrast zu den perfekt eingespielten Beobachtungen an den Videostationen, in denen zum Beispiel der deutsch-iranische DJ Deniz Koyu sich zu seiner Heimatstadt Essen bekennt.

Besonders spannend sind die Kapitel zu den Musikrichtungen, die aus dem Ruhrgebiet besondere Impulse bekamen. Der Krautrock der 1970er zum Beispiel hatte im Revier zentrale Bands wie „Franz K.“ (Witten), „Grobschnitt“ (Hagen), „Bröselmaschine“ (Duisburg). Und auch beim Heavy Metal waren Bands wie Axxis und Rage international erfolgreich.

Und dann die Galerie, in der Wände mit Schallplatten tapeziert sind und man alphabetisch sortiert alle finden soll, Grönemeyers „4630 Bochum“, die Alben von Extrabreit und Nena und und und, aber auch jede Menge Überraschungen wie die „Pilspicker Jazzband“, Tana Schanzaras Hausfrauenlied „Vatter“, Heine-Lieder mit der Kamener Songgruppe.

Begleitet wird die Ausstellung von einem opulenten Programm. Zur Eröffnung spielt heute abend Extrabreit, es folgen ab dem Herbst Konzerte mit Veteranen wie den German Blue Flames (10.12.), Franz K. (11.11.) und Rage (27.1.2017), es gibt sonntags eine Reihe mit historischen Filmen und viele Vorträge. Ein Muss nicht nur für Fans.

Eröffnung heute, 18 Uhr. Bis 28.2. 2017, tägl. 10 – 18 Uhr,

Tel. 0201/ 246 81 444, www. ruhrmuseum.de, Katalog, Klartext Verlag, Essen, 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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