„Rocco und seine Brüder“ bei Ruhrfestspielen

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Nadia (Sarah Sandeh) muss Simone (Jacob Benkhofer, links) fürchten. Rocco (Jonas Steglich) boxt, und Luca (Gabriel Schlager) ist der jüngste Parondi in der Ruhrfestspiel-Produktion „Rocco und seine Brüder“ in Recklinghausen.

RECKLINGHAUSEN - „Alessandro, das du da bist!“, ruft Vincenzo und trägt ein Tablett durchs Festspielhaus. Er bietet Orangata, Rotwein und Grissini, denn zur Premiere von „Rocco und seine Brüder“ feiern alle Vincenzos Verlobung mit Ginetta. So wird die Atmosphäre in Recklinghausen von der Kooperation der Ruhrfestspiele mit dem Schauspiel Hannover angewärmt: italienischer Überschwang, viel Herz und Erfrischungen.

Das Paar erzählt, wie sie sich in Mailand kennenlernten, wo Ginetta (Lisa Natalie Arnold) Vincenzo (Henning Hartmann) angesprochen hatte.

Als dann die Familie Vincenzos aus Süditalien unangemeldet aufkreuzt, ist die Stimmung dahin. Mutter Rosaria (Catherine Stoyan) fordert Vincenzo auf, für seine Brüder zu sorgen, und Ginetta ist abgemeldet („Sei du still“). Basta. Erst die Familie und dann..?.

Regisseur Lars-Ole Walburg setzt auf schroffe Gegensätze. Die Theaterband, die Daniel Nerlich führt, ballert gleich ein Punk-Rock-Intro ins Geschehen, dass einem die italienischen Momente vergehen. Auf großes Charakterspiel legt die Inszenierung keinen Wert. Walburgs Textfassung von Luchino Viscontis gleichnamigen Filmklassiker fokussiert mehr auf Simone, denn auf die Titelfigur, die 1960 Alain Delon spielte. Schwarz-weiße Figurenschatten flimmern über die Multimedia-Wand und sind eine Hommage an die Bildsprache des neorealistischen Kinos. „Wohlstand“ ist noch zu lesen, und die Parondis packen an, als Schnee vom Bühnenhimmel fällt und hocken um einen zu kleinen Tisch beim Essen. Das sind schöne Bilder, die als Idylle von der Inszenierung selbst kontrastiert werden. Video-Arrangements (Darja Pilz) stilisieren Simones ersten Kampf zu Großaufnahmen von Box-Kopftreffern. So wird auch das verulkt, was der Familie helfen soll, eine Sportlerkarriere.

Regisseur Walburg verleiht der Passionsgeschichte einer Familie heftige wie tragikomische Spielszenen, die den Erzählstoff aufgliedern zu einem revuehaften Stadionsdrama. Als Simone die lebenslustige Nadia (Sarah Saneh) zum Essen einlädt, wirft er eine Wassermelone auf den Boden und beide ergötzen sich am Fruchtfleisch bis zur orgiastischen Kopulation. Jakob Benkhofer spielt Simone als animalischen Rammbock, der über seinen Erfolg als Boxer hinaus die Gesetze Mailands verkennt. Wie er spürt, dass ihm nicht nur Nadia verloren geht, sondern auch seine Boxerfolge nachlassen, tyrannisiert er die Familie und verlangt Geld. Benkhofer gibt nun den vulgären Alki und bietet eine krude Einlage mit Bierdose und Kühlschrank.

Rocco, der talentierter ist und als Boxer triumphiert, lässt sich demütigen und Nadia, die sich längst zu ihm bekannt hat, vom Bruder schänden. Blutig und mit viel Gewalt wird das inszeniert. Dabei ist der Rocco von Jonas Steglich zu steif und blass, als das man seine Wirkung auf Nadia und seine Treue zur Familie verstehen könnte. Sarah Sandeh dagegen gibt der Nadia eine tragische Größe („Mein Leben zählt doch auch“). Ihr schreiender Todesschmerz wird zur eigentlichen Katastrophe der Inszenierung – nicht die Familie.

Regisseur Walburg lässt die Mordtat Simones, Roccos Box-Meisterschaft und ein Familienfest gleichzeitig auf der Stationenbühne (Robert Schweer) passieren. Eine schon Brecht’sche Kulmination kapitalistischer Unmoral.

Am Ende wirkt Ciro Parondis (Marcel Zuschlag) Rede sehr isoliert und nur angehängt. Der Alfa-Romeo-Arbeiter spricht über Wirtschaftskrisen, Globalisierung und Wachstum als „utopisches Mantra“. Auch die „Archen der Zukunft“ zählen zum gutgemeinten Epilog.

heute, 20 Uhr; Tel. 02361/92180; www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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