„new talents“ in der Kunsthalle Recklinghausen

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Aura einer Kultstätte: Claudia Manns „Studio Cast. 26.4.2016“, zu sehen in der Kunsthalle Recklinghausen.

RECKLINGHAUSEN - Das Blumenstillleben ist im 21. Jahrhundert ein unruhiges Stück Genremalerei. Roman Kochanski geht mit strahlenden Farben vor, wenn Blume und Topf präsentiert werden, aber doch nicht nur gemeint sind. Für die Ausstellung „new talents – Junge Kunst aus NRW“ sind sieben Werke des Künstlers ausgewählt worden.

Kochanski zählt zu den bildenden Künstlerinnen und Künstlern, die als „new talents“ auf der Biennale Cologne zu sehen waren – neben Film, Design, Komposition und Choreografie. In Recklinghausen werden nun zehn von insgesamt 21 jungen Kunstpositionen gesondert ausgestellt.

Die Auswahl lohnt sich, weil die bereits mit Stipendien und Preisen geförderten Künstler substanziell und technisch überraschen. Kochanski, 1983 in Essen geboren, setzt seine Objektfiguration „TOK“ (2016) aus einzelnen Farbzuständen zusammen, die pastos aufsteigen wie am Blattrand, ganz glatt wirken wie der Hintergrund in Graublau und ein flirrendes Eigenleben entfalten wie in den weißlichen Blütenformen, die an Orchideen erinnern. Die Farbaktion an sich hat etwas Explosives, das über die Genre-Erneuerung hinausgeht. Daneben abstrahiert Kochanski in „Großes Fragment Türkis/Graublau“ (2016) die Landschaftsmalerei in Horizont (blau-türkis) und Natur (grau-blau). Die tradierte Komposition ist aufgeladen, aufgeladen vom emotionalen Umgang des Künstlers mit Farbe.

Archaisch wie eine Kultstätte wirkt dagegen Claudia Manns Installation „Studio Cast. 26.4.2016“ (2016): Kreisrund ist ein schrundiger wie erdiger Bodenausschnitt in einem Holzgestell verspannt und dadurch bedeutungsvoll inszeniert. Die Wuppertaler Bildhauerin, die mit ihrer Skulptur Bodenhaftung beweist, entwirft Artefakte, wie aus einer ursprünglichen Welt. Ihre „rack.fractals. (head, arm, leg)“ sind gegossene Hohl(kunststoff)formen. Trichterartig zeigen sie Färbungen und Oberflächen mit Pflanzen- und Grasresten. Im Museumsraum wirken sie autonom, wie aus anderen Zusammenhängen. Erstaunlich ist auch Elisabeth Windischs Regalvitrine „Ohne Titel“ (2016), wo kristalline Prozesse mit Alaunsulfat zu bizarren Formationen führen.

Vera Drebusch wartet mit zwei ganz entgegengesetzten Arbeiten auf. „Die Höhle des Löwen“ (2016/2006) erweckt mit Auslassungen ein nationalistisches Thema. Auf Fotos sind Gesichter ausgeschnitten und Tattooschriftzüge („Klage nicht, kämpfe“) zerkratzt. In einem Video dazu ist zu lesen „für meinen letzten Hitlergruß habe ich 600 Euro bezahlt“ und „ich lebe im falschen Jahrhundert“. Hinter „enjoy the silence“ (2016) dagegen verbirgt sich ein Teppich, der die Felderwirtschaft an einem Vulkanhang in grün-beigen Farben kartografiert. Die Ruhe ist die Zeit vor dem nächsten Ascheregen und Lavastrom. Und Julia Gruner (Lüdenscheid) hat die Schaufenster der Kunsthalle mit Folie zu einer vitalen Farb-Spielfläche gemacht: „Floaters“ beleben das Grau der Kunsthallenfassade.

Herrlich profan sind Bastian Hoffmanns Videoanleitungen, wie man eine Pfütze anlegt, die nicht austrocknet („permanent puddle“, 2013). Oder einen Haufen Kies („gravel pile“, 2016) zeigt, dessen identische Steine aus Beton gegossen sind. Ein Haufen ist sogar in der Kunsthalle zu sehen – ein schöner dramaturgischer Effekt.

Bis 30. Oktober; di-so 11 – 18 Uhr; Tel. 02361/50 1935; www. kunsthalle-recklinghausen.com;

Katalog 19,90 Euro

Quelle: wa.de

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