Münster zeigt „Cavalleria Rusticana / Bajazzo“

+
Szene aus der Oper „Cavalleria Rusticana“ in Münster mit Adrian Xhema (Turiddu) und Jennifer Feinstein (Santuzza).

MÜNSTER - Das Liebespaar steckt in einem Vogelbauer. Ein runder weißer Käfig umfängt ein Kleinbürgerinterieur, in dem sich die Ehebrecher Turiddu und Lola begegnen. Am Theater Münster ist dies die Ausgangslage für eins der berühmtesten Werke des Verismo, Pietro Mascagnis „Cavalleria Rusticana“. Regie führt Philipp Kochheim.

In Münster will er die „Cavalleria“ als Drama in einer geschlossenen Gesellschaft zeigen, die alles sieht. Allerdings fällt ihm zu den herrlichen Zwischenmusiken dann doch wenig ein, sondern er beschränkt sich darauf, in den berühmten Chorszenen die Massen zu gruppieren. Im Verlauf der Oper reduziert er die Geschichte auf ein konventionelles Familiendrama im Kostüm: Santuzza ist die Verratene und damit die eigentlich Ausgestoßene. Mamma Lucia will von dem, was ihr Sohn treibt, lieber nichts hören und nichts sehen. Turiddu läuft aus Trotz in sein Unglück. Waschbrett und Gemüseputzeimer bringen zeitgenössisches Kolorit. Die Mamma trägt Blümchenkleid, die Ehebrecherin Lola Rot, natürlich mit Highheels (Kostüme: Bernhard Niechotz). Szenisch ist das wenig ereignisreich, auch wenn während des Ostergebets malerisch Glocken von der Decke hängen (Bühne: Barbara Bloch). Kritisch muss angemerkt werden, dass die Käfig-Konstruktion das Beobachten der Bühnenhandlung eher behindert. Zum Schluss kippt Kochheim die Handlung ins Symbolische: Inmitten des Vogelbauers steht ein roter, aber kahler Baumstamm. Er weint über Turiddus Tod.

Mehr Schauwert und mehr Originalität birgt die Inszenierung von Ruggero Leoncavallos „Bajazzo“, der traditionell die zweite Hälfte des Opernabends füllt. Kochheim verortet das Beziehungsdrama unter Schauspielern an einem Opernhaus. Die tödlich endende Aufführung am Schluss des „Bajazzo“ ist also ein Stück im Stück im Stück.

Der Chor tritt als Statisten, Putzfrauen und als er selbst auf. Die Seitenbühne ist geöffnet. Im Hintergrund ist der rote Baum zu sehen, ganz hinten erinnert der Schriftzug „Goldstadt“ an die derzeit in Münster laufende Produktion von Brecht/Weills „Mahagonny“. Hier betrügt die Diva Nedda ihren Mann, Opernstar Canio, mit dem Korrepetitor Silvio zwischen Probenflügel und Schminkspiegel. Die „Aufführung“ balanciert Kochheim geschickt zwischen Groteske und Drama. Er hat die Idee, den Betrug aus der „Cavalleria“ in den „Bajazzo“ hineinzuspiegeln: Statt „Kostümen“ tragen Nedda und Canio in ihren Bühnenrollen dieselbe Kleidung wie in der „Cavalleria“ das ehebrecherische Paar Turiddu und Lola.

Musikalisch ist der Abend gelungen. Die Sänger bestreiten beide Opern, nur die weibliche Hauptrolle wird ausgetauscht. In der „Cavalleria“ ist der Gast Jennifer Feinstein eine glühende Santuzza. Sie setzt ihren üppigen, manchmal deutlich vibrierenden Mezzo ein, um das Porträt einer verletzten und verunsicherten, in ihrem Zorn unberechenbaren Frau zu zeichnen: eine jugendliche Santuzza. Sara Rossi Daldoss gibt im „Bajazzo“ eine kühle Diva und navigiert an ihre stimmlichen Grenzen heran. Suzanne McLeod nutzt gelegentliche Schärfen geschickt für ihre Darstellung der überforderten Mamma Lucia. Lisa Wedekind singt eine kühle Lola.

In beiden Opern singt Adrian Xhema die männliche Hauptrolle. Sein Canio überzeugt stärker als sein Turiddu: Xhema fehlt zwar Volumen und „Attacke“, aber ihm gelingt ein berührender Auftritt, besonders als er in der berühmten „Bajazzo“-Arie den Verlust seiner Liebe beklagt. Michael Bachtadze fühlt sich in der Charakterrolle des Tonio sehr wohl, sein betrogener Alfio in der „Cavalleria“ ist eher verzweifelt als rachsüchtig. Stimmmächtig ist Birger Raddes Silvio.

Das Sinfonieorchester Münster unter Leitung von Fabrizio Ventura spürt den emotionalen Aufwallungen in der Musik nach, wobei Ventura sehr gut weiß, wo er Wucht erzeugen und wo er den Sängern mehr Raum geben muss. Der Chor überzeugt mit Wucht ebenso wie mit einem klar definierten Klangbild (Einstudierung: Inna Batyuk). Ein lohnenswerter Abend in Münster.

26.5., 4., 10., 21., 2´6., 29.6., 3., 8.7., Tel. 0251 / 5909 100, www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare