41. Mülheimer Theatertage zeigen neue Dramen

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Das Stück „dosenfleisch“ mit Frida-Lovisa Hamann (vorne) und Katharina Ernst ist ab 22. Mai in Mülheim zu sehen.

MÜLHEIM - „Rauschgift und Alkohol, am Computer durchgezockte Nächte, kleine Ladendiebstähle, illegales Erzeugen von Pharmazeutika, unglückliche Liebesgeschichten, alles wie immer, nur eben mit Kind.“ So ist der Plan der vier Frauen, die in unterschiedlichen Karriere- und Beziehungskonstellationen schwanger werden.

„Und dann kam Mirna“ lautet der programmatische Titel von Sibylle Bergs Stück und es erzählt, was passiert, wenn große Zukunftsprojekte und ehrgeizige Lebensentwürfe auf die Realität treffen. In diesem Fall auf ein Kind. Das ironisch-bitterböse Drama war in einer Inszenierung von Sebastian Nübling am Maxim Gorki Theater Berlin im Wettbewerb der 41. Mülheimer Theatertage „Stücke“ zu sehen. Bis zum 26. Mai konkurrieren dort sieben Dramatiker um den mit 15 000 Euro dotierten Preis für den besten Theatertext des Jahres. Bereits vor einigen Tagen wurde Carsten Brandau für sein Stück „Himmel und Hände“ im parallel laufenden Festival „KinderStücke“ ausgezeichnet.

Der „Stücke“-Jahrgang 2016 hat nicht unbedingt einen thematischen Schwerpunkt. Zwar gab es in diesem Jahr zahlreiche Dramen rund um die Flüchtlingskrise auf den Bühnen, doch mit Yael Ronens erfolgreicher Deutschkurs-Komödie „The Situation“ schaffte es nur eines in den Mülheimer Wettbewerb der besten neuen deutschsprachigen Stücke. Ein Thema, das mehrere der ausgewählten Dramatiker beschäftigte, ist jedoch der Moment der Begrenzung. Wenn die Träume eben auf die Wirklichkeit und ihre banalen wie dramatischen Probleme treffen.

Bergs Stück ist dabei eine witzige und treffende Abrechnung mit Lifestyle-Gewohnheiten, Sinnsuche und sogenannten Kreativberufen („14. Semester im Studium der Kunstgeschichte oder Theaterwissenschaft oder Kulturmanagement“). Vielmehr aber erzählt es von Veränderung, Anpassung an die Realität und dem Scheitern der einen oder anderen Utopie. „Reproduktion ist die perfekte Frauenentsorgungsmaßnahme“, heißt es darin durchaus ernst gemeint.

Deutlich existenzieller verhandelt Wolfram Höll diese Themen in seinem Festivalbeitrag „Drei sind wir“. Höll, Jahrgang 1986, wurde vor zwei Jahren bereits für sein Debütstück „Und dann“ als bester Dramatiker des Jahres ausgezeichnet. Der gebürtige Leipziger setzt sich in seinen Werken in einer ganz eigenen, lyrischen Sprache mit Ausnahmesituationen auseinander. In „Drei sind wir“ ist es die Diagnose, dass ein Kind unter einem seltenen lebensbedrohlichen Gendefekt leidet.

„Bevor er da war bevor wir wussten dass er da war haben wir geträumt: komm wir gehen nach Kanada“ heißt es zu Beginn des Stücks. Es handelt von der Reise, von Familiengeschichten und vom Verschwinden. Frühling wird das Kind zunächst genannt und sein Leben erstreckt sich über einen Jahreszyklus.

Thirza Bruncken bebildert in ihrer Inszenierung am Schauspiel Leipzig die Sprache und die Emotionen von Hölls Werk, statt daraus ein Erzähltheater zu machen. Die Rollen und Perspektiven der vier Darsteller verschieben sich ständig, die Stimmung ist hysterisch, im Hintergrund der kahlen Schaukastenbühne brummt unaufhörlich ein Störgeräusch. Nur fetzenweise werden Aspekte der Geschichte erwähnt. Das Stück bietet keinerlei Deutungen an; weder Trost noch Pathos noch Ideologie. Doch damit öffnen sowohl Text als auch Bühnenfassung den Blick für eine intensive Erfahrung. Höll beweist mit seinem erst dritten Stück einen einzigartigen Stil.

Mit Fritz Kater ist ein renommierter Dramatiker zum inzwischen siebten Mal im Mülheimer Wettbewerb vertreten. „Buch (5 ingredientes de la vida)“ heißt das Stück, das er als sein Alter Ego Armin Petras am Schauspiel Stuttgart selbst inszenierte. Am Beispiel eines ehrgeizigen Wissenschaftlers und dessen Familie erzählt er darin gar weltumspannende Episoden der vergangenen 50 Jahre: von der DDR nach Amerika, von der Bundesrepublik in die afrikanische Steppe. Welteroberungsphantasien, der große Traum vom kleinen Glück und die Zerstörung der Umwelt werden über vier Stunden auf der Bühne verhandelt.

Das klingt sehr abenteuerlich und das ist es auch. Doch der Theaterabend entfaltet eine Kraft und Poesie, auch wenn – natürlich – alle Fortschrittsutopien zermürbt und zerstört werden.

Das laufende Festival bestätigt den Trend, dass sich eine junge Autorengeneration an den Theatern etabliert hat und ihren Platz neben vielfach ausgezeichneten Dramatikern wie eben Fritz Kater findet. Die israelische Dramatikerin Yael Ronen zählt hierzu; 2015 wurde sie mit dem „Stücke“-Publikumspreis für das Culture-Clash-Stück „Common Ground“ ausgezeichnet und hat sicherlich auch in diesem Jahr Chancen auf die Auszeichnung. Neben Wolfram Höll sind auch Felicia Zeller mit „Zweite Allgemeine Verunsicherung“ (Schauspiel Frankfurt) und der junge österreichische Autor Ferdinand Schmalz zum wiederholten Mal im Wettbewerb vertreten. Schmalz hat sich binnen weniger Jahre einen Namen als humorvoller Sprachspieler gemacht. Sein „Stücke“-Beitrag „dosenfleisch“ wurde am Deutschen Theater Berlin und am Burgtheater Wien aufgeführt und wird als „Autobahnblues“ angekündigt, der mit einem „höllischen Inferno“ an „Beates Autobahnoase“ endet.

Zum Abschluss der Mülheimer Theatertage hat der Dramatiker Thomas Melle sein Debüt im Festival. Das Stück „Bilder von uns“, inszeniert am Theater Bonn, setzt sich mit einem immer wieder aktuellen Thema auseinander: dem systematischen Kindesmissbrauch an einer Schule. Der Titel deutet nicht nur auf ein Foto, das die Aufklärung viele Jahre nach dem Abitur in Gang bringt. Vielmehr geht es Melle auch um die psychologischen Auswirkungen der Ermittlungen: Was macht die Erschütterung mit dem vermeintlich stabilen Selbstbild von inzwischen erfolgreichen Menschen in der Lebensmitte?

Von Annette Kiehl

Die Stücke

Die 41. Mülheimer Theatertage enden am 26. Mai mit der Entscheidung über die Preisträger. Zuvor sind am 22. und 23. Mai „dosenfleisch“ von Ferdinand Schmalz in der Inszenierung des Burgtheaters Wien und des Deutschen Theaters Berlin zu sehen. Am 25. und 26. Mai wird „Bilder von uns“ von Thomas Melle in der Fassung des Theaters Bonn gezeigt.

Karten-Tel. 0208/960 960

Hotline 0180/6050400 (20 Cent/Min. auf Festnetz)

www.stuecke.de

Quelle: wa.de

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