Maren Ades „Toni Erdmann“ ist eine einzigartige Tragikomödie

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Wer hat Recht? Ines (Sandra Hüller) macht Geschäfte auf rumänischen Ölfeldern und Toni Erdmann (Peter Simonischek) begleitet seine Tochter, um sie nicht zu verlieren. Szene aus Maren Ades Film „Toni Erdmann“.

Sie ist zuhause, telefoniert und hat für Oma keine Zeit – morgen geht ihr Flieger. Ines ist eine Unternehmensberaterin, die im Erdölgeschäft arbeitet. Ihr Vater, ein eigensinniger Musiklehrer, sorgt sich dagegen. „Ich weiß wirklich nicht, ob es dir gut geht“, sagt er, gewissenhaft wie vorwurfsvoll.

Winfried wird in Maren Ades Film „Toni Erdmann“ mit einem Doppelspiel vorgestellt: Wie er den Postboten glauben macht, dass sein Bruder gleich vor die Tür tritt, um das Paket anzunehmen, das ist pure Komik. Dabei hat Winfried ihn als Ex-Knacki vorgestellt, der gern Pornos konsumiert und in der Hängematte liegt. Vor die Tür tritt dann ein Mann mit schiefen Zähnen und Sonnenbrille... ein Scherzbold.

Peter Simonischek war selten so unaufgeregt und brillant wie in der Titelrolle des Maren-Ade-Films. Der Burgschauspieler stellt sich als Winfried Conradi dem Optimierungswahn und Neoliberalismus in den Weg, um sein Kind zu retten. Sie dagegen will den bürgerlichen Mief hinter sich lassen, und pariert treffsicher: „Hast du im Leben noch was vor, außer anderen Leuten ein Furzkissen unterzuschieben?“ Der clowneske Vater wird gedemütigt. Aber nichts bleibt unbeantwortet in einem Film, der tatsächlich tiefe wie aufrichtige Momente einer Vater-Tochter-Beziehung entwickelt, die so berührend noch nicht zu sehen waren.

Deshalb gab es bei den Festspielen in Cannes großen Jubel. Maren Ade erhielt den Preis der Kritik, aber leider nicht mehr, weil der australische Jurypräsident und Actionregisseur George Miller („Mad Max“) ihre Bildsprache wohl nicht verstanden hatte. Ein tragisches Versäumnis – für Miller.

Wer Maren Ades Beziehungsfilm „Alle Anderen“ (2009) mit Birgit Minichmayr und Lars Eidinger kennt, weiß von dem emotionalen Widerstreit, den Ade in menschlichen Konfliktzonen offensiv arrangiert. Jeder Augenblick öffnet die Sicht auf all diese kleinteiligen Strategien zur Selbstbehauptung. Bittersüß werden Automatismen im Paarverhalten freigelegt – und das unterhält. Auch in dem komödiantischen Drama „Toni Erdmann“ gelingt der Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin diese souveräne Erzählhaltung. Eine großartige Leistung.

Winfried folgt Tochter Ines nach Bukarest, das im Szenenbild mit Plattenbauten und Cola-Reklame eingeführt wird. Die krude Kulisse lässt Platz für Winfried, der sich auf ebenso abstruse wie aberwitzige Weise ins Leben seiner Tochter mischt.

Sandra Hüller („Requiem“) muss als taffe Karrierefrau immer neue Strategien entwerfen, um sich zu behaupten. Hier erzählt der Film schlaglichtartig, wie es in der Beraterbranche zugeht. Ihr Personaltrainer rät per Skype nur bei ihrem „Standpunkt zu bleiben“ und im Gespräch bloß nicht zuzuhören.

Die realistisch wirkenden Bilder von Kameramann Patrick Orth zeigen den Erfolgsdruck als existenzielle Tortur. Ines’ Einsamkeit im Hinterzimmerbetrieb des Ölgeschäfts hat eine Erfahrungsqualität, die den Film insgesamt auszeichnet. Als ihr Vater, den sie missmutig verabschiedet hatte, als Toni Erdmann im Hotel wieder auftaucht, entwickeln beide einen widersprüchlichen Zusammenhalt. Simonischek gibt den plumpen Aufschneider, der sich als Coach von Ines’ Chef ranwanzt. Mit seiner Tochter reist er zu Rumäniens Ölfeldern, wo der Ausverkauf ganzer Landstriche auch als ein Verrat an Europas Menschen lebensnah bebildert wird. Und der Vater-Tochter-Zwist verdichtet sich. Ines singt auf einem Familienfest „The Greatest Love of All“, um dem humanen Gewissen ihres Vaters verzweifelt nachzugeben: „Lass uns einmal etwas höflich zu Ende bringen.“ Sie geht, er bleibt. Ein schmerzhafter Prozess.

Simonischek und Hüllen spielen atemberaubend. Während in Buddy-Filmen oft vulgäre Zoten zum Fremdschämen herhalten, entwickelt dieses Stilmittel in „Toni Erdmann“ moralische Werte. Bei einer „Nacktparty“ wird vor allem die Kommunikation entblößt, die dem rumänischen „Partner“ Vertrauen vorheucheln soll. Freund und Feind trennen sich hier, aber Vater und Tochter finden auf eine so skurrile Weise zueinander, wie es wahrhaftiger kaum sein kann. Winfried/Toni hat ein Kukuli, eine folkloristische Tierverkleidung, übergezogen und sorgt für Schrecksekunden. In dem Film wird einem bei all den erzählten Dramen ein bisher ungekannter Spaß beigebracht. Erstaunlich!

Maren Ade hat in „Toni Erdmann“ einen ergreifenden Witz entwickelt, der mit der Tatsache aufräumt, dass Filmkomödien aus Deutschland schon in Frankreich niemanden mehr amüsieren.

Quelle: wa.de

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