„Manchmal hat die Liebe regiert...“ von Laura Naumann in Bochum

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Ein unglückliches Paar: Therese Dörr (Johanna) und Karoline Horster (Cleo) in Laura Naumanns Stück „Manchmal hat die Liebe regiert und manchmal einfach niemand“.

BOCHUM - Irgendwie ist ihnen nicht zu helfen, diesen Typen, die die 27-jährige Dramatikerin Laura Naumann auf die Bühne bringt. Im Grunde leiden sie an Ennui, Wohlstandslangeweile, mit konventionellen Fluchtphantasien, die sie einander mit lockeren Sprüchen um die Ohren hauen.

An den Bochumer Kammerspielen ist Naumanns Stück mit dem zeitgeistig langen Titel „Manchmal hat die Liebe regiert und manchmal einfach niemand“ zur Uraufführung gekommen. Darin breitet sich das Lebensgefühl der „Generation Y“ aus wie das Wellenphänomen, quer durch die Altersgruppen. Da ist Johanna (Therese Dörr), 35, Ex-Streberin, heute Lehrerin für Deutsch und Bio. Sie ist frustriert. Mathias (Torsten Flassig), ausgestiegener Student, Animateur und Mann für gewisse Stunden in einem Hotel auf Rhodos, frustriert. Rentner Heinz (Manfred Böll), in zweiter Ehe verheiratet mit der Ukrainerin Alina (Jana Lissovskaia) – auch er sucht noch was im Leben. Regie führt Jan Gehler. Er kommt vom Staatsschauspiel Dresden, dies ist seine erste Arbeit für Bochum.

Gehler übersetzt das Stück flüssig in Komödienästhetik. Die glatten Übergänge hat er mit sicherem Auge aus Fernsehsoaps übernommen. Die Bühne (Sabrina Rox) erlaubt das Auftauchen und Verschwinden hinter einer Bretterfassade, was improvisiert und leicht wirkt.

Die Szenen fließen dahin wie durchgezappt: Ehestreit, Auslassen des Ehefrusts, Suche nach dem Vater. Kontur erhalten die Figuren nicht. Das macht aber nichts, denn ihre Probleme sind ja übertrag- und verhandelbar. Die süße Cleo (Karolina Horster), 27-jährige Aussteigerin aus der Beziehung mit Johanna, sucht halbherzig ihren Vater. Mathias hat sich von Rentnervater Heinz entfernt. Da finden sich zwei Schicksalsgenossen. Wieso Pia die Lehrerin ihrer Tochter tyrannisiert, ist auch klar: Ihre Ehe mit Dampfplauderer und „Breaking-Bad“-Zitierer Tom (Michael Kamp) ist am Ende. Da schickt man schon mal der Lehrerin ein Paket Kacke, zwecks Frustabbau. Veronika Nickl spielt schön die sexuell frustrierte Helikoptermutti.

„Manchmal hat die Liebe regiert…“ ist ein flott geschriebener, sicher gebauter Mix aus liedzeilenhaften Sätzen („An jeder Biegung des Tages träume ich von dem Leben, das ich nicht habe“), Monologen, in denen die Figuren ihr Fehl-am-Platz-Gefühl beklagen, und comedyhaften Dialogen, die eher Zustandserkundung sind als Handlungstreiber. Eine Handlung gibt es zwar auch, aber am Ende geht fast alles gut aus, keiner ist tot, schlimmere Wörter als „Scheiße“ werden kaum benutzt. Obwohl Szenen auf Rhodos spielen, sind die Flüchtlinge nur für einen Nebensatz gut.

Die richtigen Buzzwords sind drin: vegan, „was tun“. Johannas Klasse gründet die Bewegung „No repro“: Weil die Welt schlecht ist, verweigern sie den Sex, bis alles besser wird. Hat Lysistrata im alten Griechenland so ähnlich versucht. Aber das Thema nutzt Naumann nicht weiter. Es dient bloß als Sprungbrett für den Lehrer-Eltern-Streit.

Nichts tut weh. Jene blonde, akrobatische Sängerin, die Rentner Heinz so liebt, ist natürlich Helene Fischer. Wer sonst! Auch der Sound stört nicht: leise Klavierbegleitung, Xylophon. Sehnsucht transportiert der gesummte Udo-Jürgens-Schlager „Griechischer Wein“, der als Leitmotiv dient.

Die Regie hätte kleine Flaggen hinstellen sollen, als Klischeemarker. Lehrerin Mitte 30 mit zerstörten Idealen und kaputter lesbischer Beziehung? Check. Rentner mit ukrainischer Katalogfrau? Check. Die Figur Alina soll Tiefe in das Wohlstandsszenario bringen: Jana Lissovskaia als liebenswürdige, muttchenhafte Person, die vom Krieg in der Ukraine erschüttert ist. Letztlich fügt sie sich als liebendes Frauchen ein. Dieser Abend tut ganz gewiss niemandem weh.

21., 25.9., 3., 16., 21., 30.10., Tel. 0234 / 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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