Klaus Gehres Live-Film „Rambo plusminus Zement“

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Live-Film in Dortmund: Szene aus „Rambo plusminus Zement“ mit Andreas Beck, Sebastian Kuschmann, Ekkehard Freye und Caroline Hanke (von links).

DORTMUND - Mit großen Bildern beginnt der Live-Film „Rambo plusminus Zement“ von Klaus Gehre im Schauspiel Dortmund. Da liegt der Veteran (Sebastian Kuschmann) auf dem Lager, man hört Helikopterflügel schwirren. Und auf der Leinwand sieht man den Krieg.

Qualm. Schüsse. Das erregte Gesicht des Soldaten am Gewehr. Überblendungen fast wie bei Eisenstein. Dabei entsteht alles im Augenblick. Die Zuschauer im Studio sehen vor dem Film, wie sich Ekkehard Freye in Zeitlupe bewegt, wie Andreas Beck eine kleine Dampfmaschine qualmen lässt.

Es erscheint seltsam, Heiner Müllers Revolutionsdrama „Zement“ mit dem Hollywood-Actionfilm „Rambo“ zu koppeln. Aber Gehre macht es. Und es gibt inhaltliche Parallelen. Zwei Mal werden Nachkriegsgeschichten um gebrochene Helden erzählt. John Rambo ist der traumatisierte, verarmte Vietnam-Veteran, von der Gesellschaft des Provinzkaffs „Hope“ nicht gewollt und vor allem vom Sheriff Teasle (Andreas Beck) so lange provoziert, bis er den Krieg annimmt und blutig führt. Auch der Schlosser Gleb Tschumalow kehrt in eine Welt zurück, die er nicht mehr erkennt. Der Krieg hat die Stadt vernichtet, das Zementwerk liegt brach, auch hier ist der Kampf nicht vorbei. Gleb wird das Werk retten, aber sein Kind stirbt und seine Frau verlässt ihn. Die Geschichten gleichen sich, die Settings, die Gesellschaftssysteme sind verschieden.

Gehre hat in Dortmund schon den Hollywood-Film „Minority Report“ als Live-Film realisiert. Die rasante Trash-Dekonstruktion begeisterte mit Frechheit und Ironie. „Rambo plusminus Zement“ fällt ernster aus, vor allem, weil Müllers Drama im Vordergrund steht. Wenn die Frage verhandelt wird, welche Opfer für die Revolution zumutbar sind, setzt auch Gehre auf Pathos. Kuschmann und Caroline Hanke spielen die über revolutionären Zwängen scheiternden Liebenden anrührend. Und ohne Videoeinsatz.

Der „Rambo“-Film beginnt, wo Müller sein „Herakles“-Zwischenspiel einmontiert. Der moderne Muskelmann tritt für den mythischen ein, und Marlena Keil spricht suggestiv Müllers expressive Prosa. Soweit alles sinnfällig. Die Melancholie, mit der in der einen wie der anderen Geschichte die Verluste der großen Kämpfe bedacht werden, trägt die Parallelisierung auch. Rambo ist die Kampfmaschine, das Monster, vor dem Colonel Trautman (Freye) erschrickt. Und am Ende von „Zement“ ist Tschumalows Frau nicht mehr bereit, das Kollektiv, das „Wir“ über das „Ich“ zu stellen.

Und doch verbinden sich die beiden Handlungsebenen nicht wirklich. Es fühlt sich eher an, als ob man am Fernseher zwischen zwei Sendern hin- und herzappt, wobei man die meiste Action verpasst. Die fünf Darsteller realisieren neben ihren Rollen auch noch die Live-Videos, zum Beispiel die Verfolgungsjagden aus „Rambo“ mit Spielzeugauto, Motorrad und Helikopter. Das Zwischenspiel mit den Minions (virtuos geführt von Freye und Beck), die mit allen Mitteln von der Herzmassage über Elektroschock bis zu Dynamit versuchen, Lenin (und mit ihm den Kommunismus) wiederzubeleben, ist allerdings hinreißend.

Vielleicht wäre weniger Ambition mehr gewesen. So bleibt tolles Handwerk für eine Kopfgeburt.

21.2., 5.3., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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