Jan Klata inszeniert Dostojewski in Bochum

+
Mörder in irrer Gesellschaft: Szene aus „Verbrechen und Strafe“ mit Daniel Stock, Jana Schulz und Roland Bayer.

BOCHUM - Der Richter spricht mit dem Verdächtigen. Raskolnikow ist nicht angeklagt, nicht vor Gericht jedenfalls, aber in dieser Szene läuft auf einer zweiten Ebene, per Video, ein Rechtskommentar 4.0 mit: eine 8-bit-Version des Games-Klassikers Space Invaders, in dem ein mechanisch hin- und herfahrendes Geschütz Aliens abschießt.

Am Schauspiel Bochum ist ein zentraler Roman des 19. Jahrhunderts als Bühnenversion zu sehen: „Verbrechen und Strafe“ nach Fjodor Dostojewski, für die Bühne bearbeitet von Olaf Krök. Regisseur Jan Klata macht aus dem Stoff eine Art Irrenrevue, gewürzt mit halbironisch abgepufferten Schockmomenten. Dass Dostojewskys Roman drinsteckt, ist nicht immer ersichtlich. Klata findet keine überzeugende Linie zwischen Romanadaption und Mashup. Auf der Strecke bleibt der Text.

Zum Auftakt wird erst mal der Bote erschlagen: Das Ensemble liest durcheinanderplappernd 15 Minuten lang die grausame Geschichte vom totgepeitschten Pferdchen vor: Der junge Raskolnikow sieht, wie ein verrohter Mensch eine Stute totschlägt. Das Ensemble zückt Gerten und schlägt auf seine Bücher ein. Die Peitschen beißen ins Papier. Fetzen fliegen. Nach diesem marktschreierischen Beginn tritt Raskolnikow in einen Holzrahmen, der auf der Bühne einen Kubus formt, und das eigentliche Stück beginnt. Das Gebilde ist Käfig, Gefängnis, Rahmen (Bühne und Kostüme: Justyna Lagowska).

Die Rolle des Studenten, der aus Neugier und Gefühlskälte einen Mord begeht, besetzt Klata mit einer Frau. Jana Schulz, herbes Gesicht, mädchenhafte Stimme, gibt eine Figur außerhalb von allem: nicht Mann, nicht Frau, nicht Teil der Gesellschaft, aber auch nicht frei von ihr. Sie spielt stark den Außenseiter.

Das Problem: Klata formuliert von Beginn an die Behauptung, dass alle durchgedreht sind. Von der Masche kommt er nicht mehr weg. Jedes Raisonnieren, jede ernsthafte Auseinandersetzung mit Verbrechen oder Motiv sind damit korrumpiert. Klata zeigt Raskolnikow als Anstaltsinsassen im Kittel, der sich ins ungemachte Krankenbett wühlt, schreit, von Kameras überwacht wird. Aber auch alle anderen sind gaga: Marmeladow (Roland Bayer), der Alkoholiker – ein hyperreligiös halluzinierendes Rumpelstilzchen. Seine Frau (Bettina Engelhardt) – eine Clownsfigur mit Wattebauch und extrem nervendem Asthmatikerhusten, Blut spuckend.

Klata zeigt keine Figuren, sondern Klischees: die Gesellschaft als Ansammlung namenloser egoistischer Clownspuppen. Sonja, die Raskolnikow liebt: halb Mangamädchen, halb DJ Marusha. Raskolnikow und sie haben erst spät an diesem dreieinhalbstündigen Abend eine längere Szene zusammen. Chemie kann sich kaum entwickeln, auch wenn Schulz und Sarah Grunert redlich arbeiten.

Zwischendurch fährt Klata Gimmicks auf. Die Videospieloptik – es gibt einen hüpfenden Atari-Spiderman und später ein Gif, das Macarena tanzt (Animationen: Adrian Ganea), ein Kinderchor in Clownsklamotten singt den Spiderman-Song – bringen amüsierte Lacher im Publikum. Das bringt aber eine Handlung nur bedingt voran. Man weiß nicht, was Klata erzählen will: dass die Gesellschaft korrupt ist und vor diesem Irrsinn sogar ein Mörder so hilflos wie ein Unschuldiger dasteht? Das wäre wenigstens eine These, aber die müsste er dann auch durchhalten. Doch das Stück mäandert, und für eine Revue ist es einfach zu lang.

Am Ende hat auch Raskolnikow eine rote Clownsnase auf, offenbar hat er sich durch sein Geständnis den Vorstellungen der Gesellschaft angepasst. Aber wer will schon Teil so eines spinnerten Haufens werden? Aber auch eine Dystopie ist Klata nicht gelungen, denn dafür sind zu viele technische Verliebtheiten drin. Ein unausgegorener Abend. Applaus für die Schauspieler, einige Buhs für das Regieteam.

25.9., 13., 20., 29.10.,

Tel. 0234 / 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare