Katia Pellegrino macht Bellinis Oper „Norma“ in Essen zum Erlebnis

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Eine starke Frau, eine facettenreiche Interpretation: Sopran Katia Pellegrino in der Essener „Norma“.

ESSEN - Vincenzo Bellinis Oper „Norma“ hat alles, was ein romantisches Publikum sich wünschen kann: eine große, enttäuschte Liebe, die in langen Melodiebögen ausgemalt wird, Verrat, Rache und ein tragisches Ende. Die Geschichte spielt während der römischen Besatzung des keltischen Raums in einer Druiden- und Priesterkaste. Dort ist Norma scheinbar unumstrittene Herrin über das Volk. Doch das täuscht: Kaum kann sie die Rachegelüste der Unterworfenen bändigen. Ihr Vater, der Hohepriester, schmiedet eigene Pläne.

In der „Norma“-Inszenierung an der Aalto-Oper Essen spielt Politik keine Rolle. Zwar hält Norma während der Beschwörung „Casta diva“ Mistelzweige, zwar wird auf einem Opferstein eine Scheibe aufgerichtet, eine Ikonografie, die an bronzezeitliche Mondkulte gemahnt. Aber dank der weitgehend unauffälligen Regie hat die Sängerin Katia Pellegrino jeden Raum, die Geschichte einer liebenden, enttäuschten Frau zu erzählen: die der Hohepriesterin Norma, die eine verbotene Beziehung mit dem Römer Pollione hat.

Die Essener „Norma“ ist große Oper, weil Pellegrino die Rolle in allen ihren Facetten trägt. Sie hat dramatische Spannweite und Attacke für die Szenen, in denen sie das Volk zur Rache gegen die Römer aufruft. Sie besitzt Ruhe und weiche, verhaltene Töne für die berühmte Arie „Casta diva“. Vor allem dominiert sie die großen Duette und Trios, indem sie die beeindruckenden Fähigkeiten ihres Soprans – von metallischer Durchdringung bis zu intimsten Herztönen – nutzt, um Stadien einer vergehenden Liebe zu entwickeln: schwankend von Resignation zu Hoffnung, von Wut zu zarten Muttergefühlen. Das Duett mit Adalgisa über den schlafenden Kindern ist der Ruhepol der Oper, hier entwickeln Pellegrino und die beeindruckende Mezzosopranistin Bettina Ranch das Szenario einer Freundschaft zweier starker Frauen.

Ihre Eindringlichkeit wird vorzüglich getragen und bestärkt durch die Essener Philharmoniker unter Giacomo Sagripanti. Er zeichnet die Fieberkurven der Gefühle nach, ohne einmal zu treiben. Er entwickelt Ruhe in den Schlüsselszenen und treibt die Chorszenen zur Gluthitze.

Die Regie von Tobias Hoheisel und Imogen Kogge ist dagegen am besten als unauffällig zu bezeichnen. Sie zeigen Norma im weißen Kleid als Gegenpol zu einer schwarzen Masse in Kriegerkutten. Die Priesterinnen tragen sich malerisch halb wie Nonnen, halb wie Vestalinnen. Katia Pellegrino und Bettina Ranch agieren frei und überzeugend. Es würde viel an der Rampe gestanden, wenn diese beiden nicht so beweglich und souverän in ihrem Spiel wären.

Hoheisel, der auch für Bühne und Kostüme verantwortlich ist, und Kogge haben sich entschieden, das Stück zeitlich im Vagen zu halten. Sie zeigen eine geschlossene Gesellschaft: ein von Holzwänden umgebenes Terrain, auf dem das Volk, bewaffnet mit finsteren Hackebeilen, von den Priestern in Schach gehalten wird. Die fahrbaren Wände sind so schattiert, dass sie im milden Licht an einen Wald erinnern. Bewegung gibt es kaum während der Chorszenen.

Eine größere Ungeschicklichkeit unterläuft der Regie: Während des Trios im Finale des ersten Aktes, als Adalgisa erfährt, dass ihr Geliebter eine langjährige Beziehung zur Hohepriesterin hat, steht im Raum nur ein breites Bett. Gianluca Terranova setzt sich beiläufig darauf. Dabei müsste sein Pollione eben dieses Bett mit der Frau geteilt haben, von der er sich gerade lossagt. Etwas später sinkt auch Adalgisa darauf nieder – wieso, wenn sie soeben zu ihrem Schrecken erfahren hat, dass es sich praktisch um das Ehebett Normas und Polliones handelt?

Gianluca Terranova als Pollione bewegt sich konventionell. Er bietet italienischen Schmelz auf, im ersten Akt klingt er zudem recht metallisch. Seine Rolle legt er als Latin Lover an: leidenschaftlich, aber eindimensional. Besonders im Finale aber schmeichelt er seiner Partie zärtlichere Nuancen ab und macht die Hinwendung Polliones zu Norma glaubhaft. Die Nebenrollen sind gut besetzt, von Insung Sims dunklem, eher eindimensionalem Oroviso bis zur mitfühlenden Clotilde Liliana de Sousas. „Norma“ ist eine große Chor-Oper, und der Essener Chor, einstudiert von Jens Bingert, tritt stark auf als rachsüchtiges Volk. Absolute Hörempfehlung!

12., 14., 16., 22.,27.10., 1., 9., 13.11.,

Tel. 0201/ 81 22 200,

www.aalto-musiktheater.de

Quelle: wa.de

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