Jürgen Luh zu „Preußen nach Napoleon“

Düster thronen die Hohenzollernkönige hoch zu Ross auf ihren Denkmalssockeln, fast erdrückt von einem monumentalen Triumphbogen. Im sonnigen Hintergrund zieht eine feiernde Menge an einem monumentalen gotischen Dom vorbei, die Herrscherfiguren einfach ignorierend.

1817 hat Karl Friedrich Schinkel den „Triumphbogen“ in Öl gemalt. Den Zeitgenossen gab das Werk Rätsel auf. Der Historiker Jürgen Luh entschlüsselt es nun als Allegorie auf die enttäuschten Freiheitshoffnungen der preußischen Bürger nach den Befreiungskriegen.

Luh schildert einen „Kurzen Traum der Freiheit“, so der Titel seiner Monographie, in der immer die Frage „was wäre gewesen, wenn...“ mitschwingt. 1806 lag Preußen am Boden. König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) hatte Napoleon auf eher ungeschickte Art herausgefordert, woraufhin der Kaiser der Franzosen die preußische Armee bei Jena und Auerstedt vernichtend geschlagen hatte. Friedrich Wilhelm und Königin Luise (1776-1810) flohen, Napoleon zog in Berlin ein und ließ die Quadriga des Brandenburger Tores nach Paris bringen.

Schlimmer konnte es für das preußische Königreich nicht kommen. Luh schildert die Niederlagen und ihre Folgen drastisch, nicht ohne den Hinweis, dass die traditionelle preußische und reichsdeutsche Geschichtsschreibung sich jahrzehntelang bemüht habe, hier noch etwas vom preußischen Ansehen zu retten.

Doch in der Niederlage lag eine Chance auf Reform. Luh beschreibt, wie preußische Patrioten den Staaten praktisch gegen den Willen des Königs retten und sich Friedrich Wilhelm dabei – vorher undenkbar – widersetzen. Die Zielrichtung war zum einen militärisch: Einzelne Kommandeure kündigten die Koalition mit der französischen Armee auf, paktierten mit den Russen oder gingen zum Guerillakrieg über.

Die eigentliche Reformleistung lag jedoch auf zivilem Gebiet. Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein (1757– 1831), ein hoher preußischer Verwaltungsbeamter in Hamm, wurde 1804 als Finanzminister nach Berlin berufen und krempelte die starre preußische Gesellschaftsordnung ordentlich um. Nach Jena und Auerstedt setzte er Bauernbefreiung und städtische Selbstverwaltung durch, Leibeigenschaft und Erbuntertänigkeit wurden abgeschafft – Stein schuf die Grundlagen einer Zivilgesellschaft und gab der Bevölkerung Anreize, sich im Kampf gegen Napoleon zu engagieren.

Freiheit von der französischen Besatzung und freiheitliche Mitwirkungsrechte gingen bei Stein zusammen. Sein engster Mitstreiter Karl August von Hardenberg (1750–1822) sah das nicht so eng und torpedierte Steins Anstrengungen, so Luh, nachdem dieser 1809 auf Druck Napoleons von Friedrich Wilhelm entlassen worden war.

Die militärische Wiederherstellung Preußens gelang mit den Siegen über Napoleon 1814 und 1815. Das bürgerliche Freiheitsversprechen blieb jedoch uneingelöst. Die Reformer, die nach Jena und Auerstedt nicht auf den König hören wollten, ließen sich nach Waterloo von seinem „nein“ ganz einfach in die Schranken weisen.

Jürgen Luh: Der kurze Traum der Freiheit. Preußen nach Napoleon. Siedler-Verlag, München. 239 S., 24,99 Euro

Quelle: wa.de

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