Historiker Wolfgang Reinhard erklärt in seiner Globalgeschichte: Die Unterwerfung der Welt

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Wolfgang Reinhard

Vasco da Gama und seine Mannschaft hatten sehr konkrete Vorstellungen, wonach sie in Indien suchen sollten. Vom portugiesischen König 1497 auf die Reise in den unbekannten Osten geschickt, hatten sie als erste Europäer das Kap der guten Hoffnung umrundet, Zwischenstation in Ostafrika gemacht und waren nach gut einem Dreivierteljahr schließlich im indischen Calicut gelandet.

Die Begrüßung war dort nicht gerade euphorisch. „Hol euch der Teufel, was führt euch hierher?“, wollten zwei verblüffte Tunesier in bestem Spanisch wissen. Die Antwort der Portugiesen: „Wir suchen Christen und Gewürze.“

Der Historiker Wolfgang Reinhard stellt die verbürgte Anekdote an den Anfang seiner sehr umfangreichen Geschichte des europäischen Kolonialismus. Die Indienfahrt des Vasco da Gama (1469–1524) hatte eine politische und eine wirtschaftliche Dimension: Die Suche nach Glaubensbrüdern versprach Hilfe in der Auseinandersetzung mit islamischen Reichen und sie versprach Zugang zu exotischen Gütern und neuen Märkten. Dieses Grundmotiv sollte sich durch die Jahrhunderte ziehen.

„Die Unterwerfung der Welt“ heißt das 1648-Seiten-Epos, das der Freiburger Historiker vorgelegt hat. Es ist die überarbeitete Fassung seiner vierbändigen „Geschichte der europäischen Expansion“, die von 1983 bis 1990 erschien und mit der Reinhard damals Neuland betrat. Das Ausgreifen Europas auf die restliche Welt war damals in der Geschichtsschreibung ein Nischenthema, inzwischen ist der Bereich der transnationalen Global- oder Weltgeschichte einer der meistdiskutierten der Fachrichtung. Es geht darum zu verstehen, wie die global vernetzte Welt entstand.

Es ist das Werk der Europäer, daran lässt Reinhard keinen Zweifel. Und es ist keine zufällige Entwicklung, bereits die Portugiesen trafen ihre Entscheidungen „kühl und überlegt“. Das Phänomen ist zudem weltumspannend: Reinhard behandelt auch die Erschließung Sibiriens, des Kaukasus’ durch die Russen und Nordamerikas durch die europäischen Amerikaner. Während die Vertreibung der Indianer, die bei Reinhard tatsächlich so heißen, Allgemeinwissen ist, gehört die Unterdrückung der kaukasischen Völker zu den unbekannten Seiten der Weltgeschichte. Die Russen, so Reinhard, hätten die Region mit großer Brutalität und unter großen Kosten unterworfen. Reinhard handelt Epochen und Erdteile faktenreich und durchaus spannend ab, lässt der Ereignisgeschichte jeweils die Analyse folgen. Das Fazit der Entwicklung ist in vielen Fällen bitter, Reinhard schreibt von einer Eroberung durch Schwert und Sex, getrieben von Gold und Krediten. Europa sei immer expansiv gewesen, selbst heute, wo der Kontinent nicht mehr durch militärische Macht, sondern durch wirtschaftliche Attraktivität wachse.

Die Stärke des Buches liegt neben seiner Wissensfülle in seinen aktuellen Bezügen. Reinhards Geschichtsschreibung reicht bis in die Gegenwart; zahlreiche Probleme lassen sich aus vergangenen Jahrhunderten bis heute verfolgen. Die Genese aktueller Konflikte wie der Flüchtlingskrise lässt sich bei Reinhard nachlesen und verstehen.

Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415–2015. Verlag C. H. Beck. 1648 S., 58 Euro.

Quelle: wa.de

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