Gordon Kämmerer inszeniert „Kasimir und Karoline“ in Dortmund

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Vor der Riesenwurst: Szene aus „Kasimir und Karoline“ mit Ekkehard Freye (Kasimir) und Bettina Lieder (Erna).

DORTMUND - Schon zu Beginn ist dieses Liebespaar am Ende. Da schwingen die hochgetürmten Frisuren noch im Gleichtakt, und sie schwingen die zu Zeppelinformat aufgeblasenen Weißwürste noch einigermaßen synchron. Aber die Missstimmung liegt schon zum Greifen in der Luft. „Kasimir und Karoline“, die Titelhelden aus Ödön von Horváths Oktoberfest-Drama, sind nicht füreinander bestimmt.

Aber Frohsinn herrscht im Megastore in Dortmund, wo Regisseur Gordon Kämmerer das 1932 uraufgeführte Volksstück sehr heutig aussehen lässt. DJ Max Thommes begrüßt das Publikum mit Animateurssprüchen wie vom Rummel. Alle Figuren tragen neonbunte Kleidung und turmhoch montierte Frisuren (Kostüme: Josa Marx). Immer wieder dröhnen Techno-Beats durch die Ausweichspielstätte des Schauspiels, und dann tanzen die Darsteller wie um ihr Leben.

Chauffeur Kasimir (Ekkehard Freye) wurde gerade entlassen. Aber seine Verlobte Karoline (Julia Schubert) ist es, die hofft, zumindest mit dem Verkauf ihres Körpers an die Anatomie noch zu etwas Geld zu kommen. Das ist zwar nicht aus diesem Stück, aber auch von Horváth, aus „Glaube, Liebe, Hoffnung“. Es markiert den Nullpunkt, auf dem alle gelandet sind. Es passt hierher, in diesen Wirbel aus Genuss und Verzweiflung, in den sie sich stürzen. Kasimir glaubt, dass Karoline ihn als Arbeitslosen nicht mehr begehrt. Sie fühlt sich verkannt. So landen beide immer wieder im Streit, sie flirtet mit dem feschen Zuschneider Schürzinger (Frank Genser), der aber wiederum seinem Chef, dem Kommerzienrat und Firmeninhaber Rauch (Carlos Lobo) das erotische Feld überlässt. Kasimir sucht derweil Trost bei seinem Kumpel, dem kleinkriminellen Merkl Franz (Christoph Jöde) und dessen Freundin Erna (Bettina Lieder).

Das tobt nun durch die Halle im Techno-Takt, zu immer mehr Riesenweißwürsten (mit denen sich so hübsch phallisch posieren lässt), auf flinken Mini-Gocarts (Bühne: Jana Wassong). Kasimir humpelt an Krücken, ein schlichtes, aber stimmiges Bild für seinen Stellenverlust. Als Karoline sich von Schürzinger zum Karussell einladen lässt, treten beide dem Versehrten mal eben die Gehhilfen weg. Wenn der zu dreifachem Volumen aufgeblasene Lobo später als diabolischer Weiberheld Alkoholika anbietet, dann greift er zum Gartenschlauch, mit dem er seine Opfer abspritzt. Die chillen in einem aufgeblasenen Kinderplanschbecken. Und dann marschiert auch noch das Fanfaren-Corps 1974 Dortmund Wickede mit klingendem Spiel auf. Volksfest eben.

Erstaunlicherweise kriegt das mitreißend aufgekratzte Ensemble es hin, dass auch leisere Momente wirken. Schubert zeigt Karoline eben nicht nur als wankelmütiges Flittchen, als beschwipstes Partygirl, sondern zeigt auch ihre verletzlichen Momente. Wenn sie am Ende Kasimir anfleht, sich ihm aufdrängt, nur um immer wieder weggestoßen zu werden, das rührt doch. Und auch Freyes Kasimir ist grausam, weil ihm bös mitgespielt wurde. Vielleicht findet er bei Erna ein kleines Glück, obwohl er sie mitten in der ersten Zärtlichkeit fragt, ob sie gesund sei. Die Ausstattung als Techno-Kasperl überdeckt nicht die Gefühle der Figuren. Im Gegenteil: In all dem Radau steckt doch verdammt viel von Horváths Melancholie.

25.9., 1., 15., 26.10., 3., 11., 18.11., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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