Fotopionier Peter Keetman im Museum Folkwang Essen

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Wenn man genau hinsieht, erkennt man den Raum in Peter Keetmans Foto der „Wassertropfen“ (Detail), die um 1956 entstanden.

ESSEN - Rund und glatt schillern die „Wassertropfen“ im Licht. Man glaubt, sie berühren zu können, obwohl sie doch nur in Grautönen abgebildet sind. Aber die perfekt gelegte Schärfe gibt dem Abzug seine augentäuscherische Plastizität. Ein Fenster spiegelt sich in den Tropfen, man ahnt ein Zimmer, aber dafür muss man ganz genau hinschauen. Die geschickte Staffelung im Bildschnitt vermittelt den Eindruck eines Kosmos. Peter Keetmans um 1956 entstandenes Foto spielt mit der Ambivalenz zwischen genauer Abbildung von Wirklichkeit und dem Eindruck von Abstraktion.

Diese Tropfenbilder entstanden in Serie. Noch berühmter sind vielleicht die schwarzen Öltropfen. Er fotografierte den Blubber in einer Flasche, Luftblasen im Eis, Lichtreflexe auf einem Teich. Die Bilder kennt man, selbst wenn man sich nicht für Fotografie interessiert. Peter Keetman (1916–2005) selbst freilich ist eher den Spezialisten bekannt. Dabei hat der Mann die deutsche Nachkriegsfotografie geprägt wie wenige andere. Das Essener Museum Folkwang widmet ihm zum 100. Geburtstag die umfassende Werkschau „Gestaltete Welt“, die mit rund 360 Exponaten seine Entwicklung dokumentiert. Die Kooperation mit der Stiftung F. C. Gundlach wird anschließend noch in Hamburg und München gezeigt.

Ein wichtiges Thema für Keetman war nach 1945 der Wiederaufbau Münchens. Er verstand seine Arbeit positiv und zeigte lieber die Baustellen als die Trümmerlandschaften der zerbombten Stadt. Aber während andere Fotografen ihre Arbeiten in Fotostrecken der damals boomenden Illustrierten vorstellten, war Keetman besonders erfolgreich in der Werbung. Das mag an seiner Herangehensweise liegen. Keetman lernte im Nationalsozialismus, in den 1930er Jahren, als die Avantgarde vertrieben war. Er arbeitete unter anderem bei den Industriefotografen Gertrud Hesse und Carl Heinz Schmeck, bis er zum Kriegsdienst eingezogen wurde, nicht als Fotograf, sondern als Soldat einer Pioniereinheit. Er wurde schwer verletzt, verlor das linke Bein. Nach 1945 absolvierte er weitere Meisterkurse. Der Zusammenbruch der Diktatur bedeutete für ihn einen Neuanfang. In der Schau ist dokumentiert, wie er 1935 der Faszination von Massenaufmärschen durchaus erlag. Spätere Aufnahmen aus dem Krieg zeigen ihn unideologisch, zum Beispiel in Bildern der „Familie, bei der ich Quartier hatte“ (Russland, 1942).

Seine wichtigsten Einflüsse waren die Neue Sachlichkeit eines Albert Renger-Patzsch und die konstruktiven Ansätze des Bauhauses. Beides führte er zusammen, zum Beispiel in Naturaufnahmen, die oft auf Details und ungewöhnliche Ausschnitte abzielen. Ein Schilfhalm im Wasser (1970) gewinnt geradezu meditative Intensität. Er fotografiert immer wieder das Motiv eines Zauns im Schnee. Den Schwarzwald abstrahiert er zu einer unregelmäßig gestaffelten Folge von „Graustufen“ (1980). Und beim „Ruderboot im Schilf“ (Chiemsee, 1982) irritiert die Spiegelung auf dem Wasser im fast abgesunkenen Boot den Blick.

Keetman schloss sich der 1949 gegründeten Gruppe fotoform an. Diese „jungen Wilden“ der Szene verfolgten einen radikalen Ansatz: Fotos wurden den Mitgliedern zugeschickt und auf der Rückseite schriftlich kritisiert. Abzüge von Keetman mit solchen, oft harschen Anmerkungen sind in Essen ausgestellt. Hier entwickelte und schärfte Keetman sein Instrumentarium: Detailausschnitt, Abstraktion, Positiv-Negativ-Umkehr, Doppelbelichtung. In Serien entstanden Aufnahmen von Waren, die Tropfenbilder, aber auch Strukturen, die kaum noch als gegenständlich erkennbar waren.

Bekannt sind seine Aufnahmen aus dem Stadtraum. Durch Langzeitbelichtung sieht man in „Geschwindigkeit“ (1953) die wartenden Fußgänger klein am oberen Bildrand, vor ihnen die zu einem wuchtigen Strom dynamischer Linien verwischten Autos. Ein Sinnbild des Wirtschaftswunders ist „Stachus“ (1953), wo er den Münchner Platz in einer Dreifachbelichtung zu einem irritierenden visuellen Chaos des Großstadtverkehrs verfremdet. 1953 fotografierte er eine Woche lang im VW-Werk in Wolfsburg, und seine Bilder unterschieden sich von der üblichen Industriefotografie. Er zeigte nicht die Arbeiter am Band, einzelne Produktionsschritte, die Monumentalität der Anlage. Er zeigte jede Menge Details und serielle Momente. Der Raum voller Käfer-Karosserien wird zur verspielten Choreografie. Die gelagerten Kotflügel sind kaum erkennbar, weil ihre Rundungen auf ein Muster reduziert sind. Diese Aufnahmen waren zunächst kein Erfolg. Aber später wurde Keetman von VW für mehrere Anzeigen engagiert.

Er experimentierte in den Schwingungsbildern mit pendelnden Lichtquellen, die grafische Linien und Muster erzeugten. Und man muss sich vor diesen Schwarz-Weiß-Blättern klarmachen, dass sie ohne Computerhilfe entstanden, in einem mühsamen Verfahren von Langzeitbelichtung und immer neuen Versuchen in Studio und Labor. Aber sie waren höchst erfolgreich, wurden in der Reklame für eine Lackfabrik, einen Aufzughersteller und Kopfschmerztabletten ebenso verwendet wie für eine Zeitschrift mit einem rundfunkpolitischen Kommentar („Bonn funkt dazwischen“).

Diese subjektive Fotografie ist heute erkennbar historisch, die Sehgewohnheiten haben sich geändert. Aber unzweifelhaft hat Keetman den Blick geöffnet für vieles, was heute selbstverständlich ist.

Bis 31.7., di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0201/ 88 45 444, www.museum-folkwang.de,

Katalog, Steidl Verlag, Göttingen, 48 Euro

Quelle: wa.de

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