Don-Giovanni-Party bei Ruhrfestspielen

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Don Giovanni (Sebastian Zimmler) und Band rocken die „Letzte Party“.

Recklinghausen - Der Stoff ist weg: Zerlina, Donna Elvira und Donna Anna tragen nur noch die Untergestelle ihrer Reifröcke, und die sehen aus wie Gerippe. Ihre Rokoko-Kostüme (Annabelle Witt) wurden ziemlich gefleddert, und ähnlich hat Antú Romero Nunes auch den „Don Giovanni“ bis auf die Knochen abgenagt.

Mozarts Musik ist weg, die Libretto-Zeilen von Lorenzo da Ponte sind nackt. So verschafft sich der Regisseur den Spielraum für eine „Bastardkomödie frei nach Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo da Ponte“: Platz für Mitmach-Theater, Improvisation und ziemlich viele Zitate. Dabei bleibt „Don Giovanni. Letzte Party“ trotzdem ganz nah an der Operngeschichte.

Johannes Hofmann hat für eine siebenköpfige Band (Frauen in Schwarz mit Turmfrisuren) viel Schräges arrangiert: Polka und Punk, Chanson und Ennio Morricone, Princes „Purple Rain“, Rio Reisers „Für immer und dich“ und ein paar Mozart-Splitter.

Die leere Bühne beleuchtet Florian Lösche lediglich mit drei großen beweglichen Scheinwerfer-Rädern. Hier zeigt Nunes durchgeknallte Typen und Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, greift zu Louis-de-Funès-Pointen („Nein!“ – „Doch!!“ – „Oooah!!!“) und hat da-Ponte-Kalauer erfunden, etwa diesen: In der Registerarie breitet Leporello (Mirko Kreibich) die stolze Bilanz seines Arbeitgebers Don Giovanni (Sebastian Zimmler) beim Frauen-Flachlegen aus: „Alte zieht er in die Kiste für den Namen auf der Liste.“

Es ist streckenweise richtig lustig, die Schauspieler geben dem Affen Zucker. Zimmler turnt flirtend durchs Parkett. Zerlina (Cornelia Schirmer) und Masetto (Bruno Cathomas) keifen und kloppen sich wie die Kesselflicker. Donna Anna (Lisa Hagmeister) gibt eine dramatische Furie, und Don Ottavio (André Szymanski) vergaloppiert sich in einem Liebesschwur, der wuchtiger und tollpatschiger kaum sein könnte („Ich will für dich einkaufen!“). Via Playback ereifert sich Donna Elvira (Cathérine Seifert) mit der originalen Opern-Eifersuchtsarie, bis der Stöpsel gezogen wird. Den Komtur macht Karin Neuhäuser zur maliziösen Chansonnière, die auf Don Giovanni wartet. Diesmal ist er es, der verführt wird: „Reich mir die Hand, mein Leben“. Die Party tobt weiter, „100 Frauen“ sind aus dem Publikum dazugeholt worden.

Bei allem hochtourigen Bühnenhandwerk bleibt Don Giovanni eine Leerstelle. Er ist vielleicht ein bisschen unverfroren, aber längst nicht so unerschrocken wie in der Oper, sondern laviert sich irgendwie so durch. Einmal fordert er alle auf, sich zu küssen, zu berühren und auszuziehen, dann hat er was von einem Hippie-Guru. Alleine ist er nämlich überfordert: „Ich schaff’ euch nicht alle!“ Ob Verführung seine Masche ist oder Gewalt oder wie er Beides austariert, das interessiert Nunes nicht.

Ganz genau verortet er allerdings den unromatischen, präzisen Blick Mozarts und da Pontes auf die Verwicklungen von Liebe, Begehren, Eifersucht und Hass. Mozarts Musik macht diese Widersprüchlichkeiten fühlbar und plausibel, Nunes stellt sie bloß aus.

heute, 20 Uhr; Tel. 2361/92180; www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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