„Die Dinge, die vorübergehen“ nach Louis Couperus bei der Ruhrtriennale

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Ein Toten- und Trauertanz: Szene aus „Die Dinge, die vorübergehen“ mit dem Ensemble der Toneelgroep Amsterdam bei der Ruhrtriennale in der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck.

GLADBECK - Ganz in Schwarz sitzen sie dem Publikum gegenüber, die Großmutter Ottilie, 97 Jahre alt, und Herr Takma, ihr „Amant“, 93 Jahre alt. Das Liebespaar lebt seit 60 Jahren zusammen, nicht verheiratet, umgeben von Kindern, Enkeln, Bekannten, und doch einsam. Denn ihre Beziehung begann mit einem Mord.

Das gut vertuschte und stets verschwiegene Verbrechen an Ottilies Mann damals in Niederländisch-Indien vergiftet die Familie. Alle tragen Schwarz in dem Drama „Die Dinge, die vorübergehen“, das Ivo van Hove mit der Toneelgroep Amsterdam nach einem Roman von Louis Couperus für die Ruhrtriennale inszeniert. Die Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck bietet dem düsteren Drama einen suggestiv weiten Raum. Die Zuschauertribüne spiegelt sich in der Bühnenrückwand, rechts und links erstrecken sich lange Stuhlreihen wie in einer Kirche, dahinter laufen Glaswände, die mit Fratzen bemalt sind (Bühne: Jan Versweyveld).

Eine unbewusste Trauer beschattet das Leben im Hause Derckz. Denn obwohl die stolz thronende Matriarchin und ihr Partner die Tat beschweigen, finden ihre Nachfahren kein Lebensglück. Nicht einmal die gute Nachricht, dass Ottilies Enkel Lot die junge Elly heiraten will, hellt die Stimmung auf. Die Ehe von Lots Mutter (die ebenfalls Ottilie heißt) mit einem jüngeren Mann zerbricht gerade. Und das Familienvermögen scheint nicht bei den jüngeren Generationen anzukommen, viele in der Familie brauchen Geld. Sie alle hungern nach Liebe und werden nicht satt. Immer wieder verlangen sie nach Küssen, die Mutter von ihrem Sohn, der (ohnehin pädophile) Onkel von seiner Nichte, und diese Küsse fallen dann ziemlich unkeusch aus, münden in gierige Umarmungen.

Aber das wiegt noch leicht gegen die Last, die Ottilies Sohn Harold mit sich schleppt. Er wurde als Kind Zeuge des Mordes an seinem Vater und schwieg 60 Jahre lang. Das Trauma äußert sich bei ihm in Krankheit und Schmerzen.

Was für ein Stoff, welche Finsternis – und was für ein berührender Theaterabend. Ivo van Hove hält Couperus für den bedeutendsten niederländischen Romancier. Schon 2015 brachte er den Roman „Die stille Kraft“ für die Ruhrtriennale auf die Bühne, als bildmächtige Erzählung über die Kolonialgeschichte des Landes. „Die Dinge, die vorübergehen“ besteht fast nur aus Dialog und Monolog, hat kaum Handlung, sondern sehr viel Text. Die famosen Darsteller der Toneelgroep erfüllen die Worte mit Leben und Emotion selbst über die Sprachgrenze hinweg – die Aufführung ist in niederländischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln.

Die existenziellen Nöte Lots, eines Schriftstellers mit Schreibblockade, der seine junge Frau sehr liebt, aber nicht sexuell begehrt, zeigt Aus Greidanus jr. mit quälender Präzision. Die Hochzeitsnacht führt das junge Paar in den Süden, sie entkleiden sich, spielen erotische Spiele mit einer Schale Erdbeeren, mit Sekt und Sprühsahne. Aber am Ende schmiegt sich Lot an Aldo, den Liebhaber seiner Schwester Ottilie, die sich aus der familiären Trübsal in den Süden geflüchtet hat. Und hier, nur hier, erlaubt van Hove Farbe auf der Bühne mit den roten Früchten, mit dem bunt gemusterten Kleid. Katelijne Damen spielt die Mutter Ottilie, für die Liebe eine Sucht ist. Bei Entzug leidet sie Qualen. Mit großer physischer Präsenz zeichnet Hans Kesting das Trauma des Sohnes Harold, der in seiner Verzweiflung ein neues Gesicht an eine freie Glasscheibe zeichnet, ein weiterer Geist der mörderischen Vergangenheit. Und wie stoisch thront Frieda Pittoors als Großmutter Ottilie auf ihrem Stuhl, stilles Zentrum familiärer Macht wie familiären Unheils, und ihre Gewissensbisse entladen sich nur manchmal in fiebrigen Halluzinationen.

Diese zweieinhalbstündige, von keiner Pause unterbrochene szenische Erzählung ist klug getaktet, dabei atmosphärisch dicht untermalt von Live-Musik, die Harry de Wit vor allem auf Glocken und Percussion, am Ende auch der Bassklarinette spielt. Da ticken unerbittlich die Uhren auf den Tod hin. Manchmal klingen die langen Schwingungen kaum merklich unter den Sätzen der Trauer.

Die Sühne kommt spät, nach 60 Jahren, in angekündigten Toden, zu denen dichter schwarzer Schnee auf eine Gesellschaft fällt, die schon zum Begräbnis versammelt ist. Dann steigt weißer Nebel auf und verspricht eine Läuterung. Vielleicht ein trügerisches Bild, aber zum Abschluss noch ein wenig Opulenz in einer sehr strengen, aber gerade dadurch ergreifenden Inszenierung.

23., 24.9., Tel. 0221/ 280 210, www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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