Daniil Trifonov und das Orchester der Scala in Dortmund

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Als introvertierter Klangtüftler zeigte sich Daniil Trifonov im Konzerthaus Dortmund.

DORTMUND - Der Pianist Daniil Trifonov, 25 Jahre alt, reist mit dem Ruf, ein Virtuose zu sein, ein Tastenwunder, einer, der alles spielen kann, woran sich erfahrenere Kollegen nicht herantrauen. Diesen Ruf hat er befeuert. Im Konzerthaus Dortmund war er im Mai mit einem Soloprogramm zu hören. Jetzt kam er mit großer Begleitung wieder: dem Orchester der Mailänder Scala unter Riccardo Chailly und einem Schumann-Programm. Dieses Mal hatte der Tastenlöwe weitgehend frei. Den ließ Trifonov erst in der Zugabe heraus.

Schumanns Klavierkonzert spielt er mit einer Zurückhaltung, dass er zwischendurch abgetaucht wirkt: Er zieht sich hinter den Orchesterklang zurück und lässt zwischendurch einen Gedanken durchscheinen, als Hinweis, dass er durchaus noch da ist. Seine Präsenz kann er mächtig markieren, wenn er den Übergang zum Orchestertutti kraftvoll antreibt, aber meist hat sein Spiel etwas Durchscheinendes. Wie ein Tüftler über die Tastatur gebeugt, wirkt er noch versponnener. Seine Fähigkeiten sind immens, er beherrscht eine Anschlagskultur, die an Feinheit schwer zu überbieten ist. Im zweiten Satz scheint er die Tasten bloß anzupusten. Beeindruckend ist der Wille, oder auch Eigensinn, mit dem er seine Virtuosität in den Dienst seiner Haltung zur Musik stellt. Er spielt, als sei sein Part der eines Melancholikers, der sich in der lärmenden Welt bewegt, in sich eingesponnen, gerade in der kühlen Nachtmusik des zweiten Satzes.

Im Kopfsatz stellt er die Themen vor mit einer eindringlichen, aber scheuen Beredsamkeit, wie etwas, das hinaus muss, aber seine Zeit braucht, um gesprochen zu werden. Im Dialog mit den Holzbläsern zieht er sich so stark zurück, dass sogar die seelenvoll geblasenen Flöten des Scala-Orchesters stören, als hätten sie ihren Einsatz ein paar Stufen zu hoch auf der Richter-Skala angesetzt. Wie er in der Wiederholung der Flöte mutiger entgegentritt, nun als ernst zu nehmender Partner, zeigt interpretatorische Sensibilität. Das Orchester unter Chailly betont die leidenschaftlichen, energetischen Bewegungen und gibt dem Klavierklang einen Gegenpol mit einem warmen Edelholzklang. Im zweiten Satz stellt Chailly Trifonovs Verhaltenheit, seinem Pusteblumenanschlag und seiner empfindsam wachen Phrasierung intensive Sanglichkeit gegenüber. Der Melancholiker profitiert von seiner Umgebung, die wiederum wird aufmerksamer durch ihn. Aus der Isolation taucht Trifonov erst im Schlusssatz auf: Auch hier fliegt er läufeweise unter dem Radar, um plötzlich die Lufthoheit zu erobern.

Die Zugabe war etwas für Freunde des Virtuosen: die Fuge Nr. 2 aus den Präludien und Fugen opus 87 von Schostakowitsch, von Trifonov auf Geschwindigkeit gebracht wie ein überdrehtes Uhrwerk mit Splittergefahr.

Vor dem Klavierkonzert gab es Schumanns Manfred-Ouvertüre. Den Byron-Stoff liest Chailly buchstäblich als Musik-Literatur, als Erzählung mit dramatischer Übersicht. Tempi und Entwicklung legt er breit an, um zum Finale hin eine Leidenschafts-Injektion vorzunehmen, befeuert durch den üppigen, in den Spitzen manchmal cremigen Klang des Orchesters und eine vibrierende dramatische Energie in der Phrasierung.

Schumanns zweite Sinfonie lebte von derselben aufgeklärten Erzählhaltung und einer fein herausgearbeiteten Phrasierungskultur, die Dialoge zwischen den Stimmen und Zitate transparent macht. Das Orchester bringt einen warmen, eher üppig-dramatischen als analytischen Klang mit. Chailly arbeitet intensiv an Nuancen, meist muss er seine mit 16 ersten Geigen üppig besetzte hohe Streicherfraktion etwas dämpfen. Dramatische Effekte – wie das nervös-zerbrechliche Zittern des Stakkato-Motivs im Fugato und das Atemholen vor der letzten Climax des Hauptthemas im Adagio – sind streng erzählerische Momente, kein romantischer Überschwang.

Als Zugabe hatte Chailly eine Überraschung dabei: „Fast Motion“ des Komponisten Carlo Boccadoro, den Chailly hinterher auf die Bühne holte. Es ist ein böser Zirkusspaß mit pfeifenden Flöten und blitzschlagendem Blech. Ein Tanz, der nicht loslegt: der Witz an der „schnellen Bewegung“ ist nämlich, dass sie dauernd verzögert wird. Ein wildes Stück Energie.

Quelle: wa.de

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