Daniela Löffner inszeniert „Mephisto“ in Bochum

Daniela Löffner inszeniert „Mephisto“ in Bochum

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Ein animalischer Teufel, gespielt von Hendrik Höfgen, den im Bochumer „Mephisto“ Raiko Küster verkörpert.

Bochum - Hendrik Höfgens Mephisto tanzt mit der Weltkugel, so wie das Chaplin einst im Film als Hitler tat. Aber der Teufel hantiert nicht mit einem leichten Ball, sondern mit einer bemalten Melone, die er auf dem Bühnenboden zerschmettert, deren eine Hälfte er mit den Händen aushöhlt und sich als Hut aufsetzt.

„Mephisto“ hat sich in den Köpfen festgesetzt. Man sieht spätestens seit der Verfilmung durch Istvan Szabo von 1981 Klaus Maria Brandauers Gesicht vor sich, weiß geschminkt wie das historische Vorbild Gustav Gründgens. Lauter Bilder, die sich auf Bilder legen. Menschen spielen Menschen, die Menschen spielen. Daniela Löffner hat „Mephisto“ nach dem Roman Klaus Manns am Schauspielhaus Bochum inszeniert, und sie reflektiert genau dieses Moment verfestigter Erwartungen. Hier hat Höfgen sich mit Schlamm beschmiert. Das Barbarische im Teufel wird gleich sichtbar. Das mit der Eleganz kommt später, als die Nazis das saftige Obst durch einen Hut ersetzen. Es ist zugleich eine Zähmung.

„Roman einer Karriere“ lautet der Untertitel des 1936 entstandenen Bestsellers, in dem der vor den Nazis geflohene Mann mit seinem Ex-Schwager abrechnet, der sich vom linken Antifaschisten zum Vorzeigekünstler des Regimes wandelte. Schon Mann beanspruchte für sich, einen Typus zu durchleuchten, also Mechanismen der Anpassung, der Korrumpierbarkeit freizulegen. Wie kann Theater heute mit einem solchen Stoff umgehen?

Löffner, die mit ihrer Inszenierung „Väter und Söhne“ nach Turgenjew beim Berliner Theatertreffen eingeladen ist, lässt das Ensemble nicht die Geschichte linear abbilden. Sie denkt den Prozess Theater mit. Das Bühnenbild von Thilo Reuther kopiert am Anfang die reale Kantine des Schauspielhauses, in der die Darsteller bei Bier und Wein sitzen. Sie reden über das Gastspiel des jüdischen Theaterstars Dora Martin, als Figuren aus Manns Geschichte. Aber sie treten immer wieder aus der Rolle. „Sind wir jetzt heute oder 1926?“ fragt einer, und das ist keine Koketterie, sondern exakt die Frage an alle auf der Bühne und davor. „Mephisto“ wird erneut als Erklärungsmodell behandelt. An dem langen Abend wird das dem Publikum immer wieder ins Bewusstsein gebracht. Hinterbühnen-Durchsagen sind hörbar: „Mephisto, Großes Haus, Szene drei.“

Und die Schauspieler denken über ihre Arbeit nach, bauen die Kantinenwände ab und lassen ein offenes Gerüst stehen, das mal als Balancestrecke mit Fallgruben Höfgens Weg symbolisiert, das mit einer Rampe in die Zuschauerreihen, etwas Flitterbändern und einer Hakenkreuzprojektion aber auch den NS-Festraum abgibt. Wenn darüber sinniert wird, dem Publikum den Spiegel vorzuhalten, dann klappen die reflektierenden Metalltafeln von der Decke. Manchmal erscheint das Spiel der Überblendungen etwas zu vordergründig, wenn die Szene aus dem Anti-Nazi-Kabarett ins Vorzeigen von NPD- und AfD-Fähnchen mündet. Oder wenn Höfgens junger Kollege Miklas, der mit den Nazis sympathisiert, modernen rechts-Rock mitgrölt. In der Szene, aus der Rolle, das ist hier eine Sekundenfrage.

Aber das sind nur Momente im raffinierten Vexierspiel der Verweise. Der Zuschauer ist in diesen fast vier Stunden gefordert, sich zu konzentrieren. „Wir stehen für Ausführlichkeit und Differenziertheit“, postulieren sie auf der Bühne.

Und so gibt es wenige harte Schnitte, sondern gleitende Übergänge vom heute in die 1930er und weiter in das Theater auf dem Theater. Da kann dann auch der formidable Raiko Küster singen „Ich bin oben“ (von Rainald Grebe), und das charakterisiert eben den Triumph des Wendehalses, auch wenn anachronistisch von Barbra-Streisand-Karten für 500 Euro die Rede ist. Die Verantwortung des Künstlers als Mitglied der Gesellschaft kennt eben kein gestern.

Das Ensemble bringt die vielschichtige Erzählung präzise und engagiert auf die Bühne. Küster gelingt es, das Charisma, die Faszination einzufangen, die Höfgen zum Bühnenstar befähigte, ohne seine Charakterschwäche, seine Ängste, seine Getriebenheit auszublenden. Der Mann ist „ein ganz gewöhnlicher Schauspieler“ wie im berühmten Romanzitat. Die übrigen neun Akteure halten auf Augenhöhe mit, Günter Alt zum Beispiel schaltet als dicker Ministerpräsident blitzschnell vom jovialen Kunstfreund zum unerbittlichen NS-Ideologen, und Anke Zillich spielt seine eitel-naive Gattin schön aus. Torsten Flassig überzeugt als Jungnazi, der sich später enttäuscht abwendet. Juliane Fisch ist eine überzeugende Domina. Und Martin Horn glänzt als aktivistischer Schauspielerprolet ebenso wie als versnobter Starautor.

Löffner öffnet den „Mephisto“-Stoff, schafft Anschlüsse für die gegenwärtige Situation, knüpft (mit mehr Sinnlichkeit) ans Brecht’sche Lehrtheater an. „Mephisto“ kommt unerwartet daher, spielt 1926 und heute, und das ist nicht das Schlechteste.

20., 27., 29.5., 3., 5., 12., 26.6., 2., 9.7.; Tel. 0234 / 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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